Vereint im Schmerz

Zugegeben, der Titel klingt etwas pathetisch, aber nachdem ich diesen bedeutsamen Tag noch einmal Revue passieren ließ und mir die Aufnahmen am Abend zu Gemüte führte, wollte ich ihn. Drückt er mit ein paar Buchstaben genau das Gefühl aus, was mich seit langer Zeit umgibt und von dem ich stetig versuchte, es in Worte zu fassen.

Es heißt nicht ohne Grund, geteiltes Leid ist halbes Leid. Erst jetzt, just in diesem Moment, verstehe ich die Bedeutsamkeit dieser allseits bekannten Redewendung tatsächlich. Denn was muss erst geschehen, dass Menschen unterschiedlichster Colour sich vom Sofa aufraffen, in die Ferne reisen und zusammen auf die Straße gehen? Was muss passieren, dass er sagt, ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen? Wieviel kann ein Mensch ertragen? Wann ist seine individuelle rote Linie erreicht? Wie weit ist es gekommen, dass die Motivation, etwas zu tun, was nicht der Mehrheit entspricht, größer wiegt, als die Pein, die ihm zwangsläufig entgegenschlagen wird?

Wir leben in einer Zeit, in der selbst Worte, die seit Ewigkeiten legitim waren, bedeutungslos ja sogar abschreckend wirken mittlerweile. Fast schämt man sich sie auszusprechen. Worte wie Heimat, Deutschland, Recht, Freiheit, Nationalhymne oder Führerschein sind mittlerweile so kontaminiert, dass man sich zweimal überlegt, ob man sie benutzt. Es ist nicht nur der gesellschaftliche Umgang mit Corona, weswegen die Menschen auf die Straße gehen. Es scheint, als sei es das gesamte Lebensmodell, dass uns aufoktroyiert wird. Es ist Klima, es ist Gendersprache, es ist die Politik in Gänze. Das ganze Weltbild passt nicht mehr. Egal welches Thema man sich zu Gemüte führt, wir fühlen, dass es falsch ist und wir verstehen nicht, weshalb so viele Brüder und Schwestern das nicht erkennen wollen und uns sogar „bekämpfen“. Dabei sind wir die Letzten, die sich streiten möchten. Ganz im Gegenteil, wir möchten den Frieden, die Versöhnung und in Harmonie miteinander leben. Dafür greifen wir auf das vorletzte Mittel zurück was uns bleibt, die Straße.

Wir müssen alles versuchen, die Dinge zum Guten zu bewegen. Wenn uns das nicht gelingt, sind wir gezwungen unsere eigene Welt zu erschaffen, doch wer möchte das wirklich? Es würde zwangsläufig bedeuten, dass wir uns separieren müssen. Und diesen Zustand jemals wieder aufzulösen, würde Generationen andauern. Wer will das denn? Ich jedenfalls nicht und ich bin der festen Überzeugung, niemand anderes ebenso, der noch ein gewisses Maß an Empathie und Gefühl besitzt. Dafür gehen die Menschen an Tagen wie diesen weltweit auf die Straße, vereint im Schmerz.

Es ist alles gesagt, es ist alles bekannt. Mich erreicht der Schmerz in den unterschiedlichsten Lautstärken und Tonlagen. Es reicht. Er soll aufhören. Doch wird er es nicht von alleine. Mir bleibt nur das, was ich kann und zwar die Fotografie. Mit ihr versuche ich in den Dialog zu kommen, denn Bilder haben eine andere Ausdruckskraft als das geschriebene Wort oder ein Video. Ein Bild kann dazu anregen, für einen Augenblick die Realität zu vergessen. Im besten Fall entsteht ein Zweifel. Ein kurzer Gedanke, der zu weiteren führt und somit zu einem völlig neuen Blickwinkel. Ein naiver, aber schöner Gedanke. Mir gibt er Kraft.

Bildlich berichten möchte ich vom 28.08.2021. An diesem Tag vereinten sich Unzählige in Berlin und machten ihrem Schmerz freien Lauf. Sie gingen gemeinsam auf die Straße, wohlwissend, wie sie in den Gazetten beschrieben werden. Die Energie war atemberaubend, sie war spürbar und gab Halt. Eine schier endlose Anzahl an Menschen ließ sich von Verboten nicht aufhalten und folgte ihrem Herzen, getragen vom unbändigen Gefühl, das Richtige zu tun. Niemand konnte sie aufhalten. Die Liebe und der Wille nach Veränderung steckte an. Niemand warf einen bösen Blick auf die Armada des vergangenen Menschenverstands. Ganz im Gegenteil. Ich erlebte soviel Zuspruch von Passanten und Beobachtern, dass es mich darin bestätigte was ich tue und wofür so viele Menschen den weiten Weg auf sich nahmen. Sie blickten aus ihren Balkonen, schwanken Fahnen, begrüßten uns, streckten den Daumen in die Höhe, pfiffen aus ihren Autos, nahmen selbst alles auf und schenkten uns ein Lächeln. Es war unbeschreiblich. Dabei gerät es fast in den Hintergrund, dass uns die Polizei auf einer Brücke am Weitergehen hinderte.

Ich habe schon viele Demonstrationen fotografisch begleitet und ein paar Gedanken dazu niedergeschrieben, aber diesmal hat es mich besonders mitgerissen. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich empfand, dass es ein ganz besonderer Tag war, der mir Hoffnung gab, denn diese Masse an reinen Herzen war nicht zu übersehen und regte ganz sicher den einen oder anderen zum Nachdenken an.

Genug der Worte, Bilder sprechen für sich. Ich hoffe, dass ich die Energie dieses wundervollen Tages einigermaßen vermitteln kann.

~ Ulli

Im Land der Träume

Auf nach Kroatien

Viel wurde mir berichtet von einem Land, fern der Heimat, was so wunderschön sein soll, dass man gar nicht mehr weg möchte. Nun, man kann ja viel erzählen, erleben muss man es selbst. Offen wie ich bin, ließ ich mich auf die Verheißungen ein, ohne besonders hohe Erwartungen zu hegen. Ich hatte Urlaub und dachte mir, warum sich nicht auf zehn Stunden Fahrt einlassen und ein Land besuchen, von dem du rein gar nichts weißt. Später auf der Bahre wirst du es sicher bereuen, die Dinge nicht getan zu haben. Somit folgte ich dem Vorschlag meiner Freunde Grit und Michael, in Kroatien meinen Urlaub zu verbringen und fuhr mit den beiden getrennt voneinander ans Mittelmeer.

Ein weiter Weg

Ganze zwei Länder trennen mich vom vielversprechenden Ziel. Österreich und Slowenien. Ich war bereits in Salzburg, was nah an der deutschen Grenze liegt, aber die kroatische Halbinsel Istrien sollte noch einmal doppelt soweit weg liegen. Da ich Urlaub hatte und es keinen Anlass gab, mich irgendwelchem Stress auszusetzen, beschloss ich, auf halbem Weg Rast zu machen um am nächsten Tag ausgeruht meinen Weg fortzusetzen. Meine Entscheidung fiel dabei auf den Chiemgau bei der bezaubernden Eva, wovon ich bereits im vergangenen Artikel berichtete.

Slowenien
Endlich Ankommen

Vorbei an den bereits erwähnten Ländern, die ich aus meinem Wagen versucht habe, sporadisch festzuhalten, erreichte ich endlich Kroatien. Bereits kurz hinter der Grenze kam ich in den Genuss eines Panoramas, das seines Gleichen sucht. Ich war gezwungen, den Motor auszuschalten und den Ausblick auf die wundervolle Adria zu verewigen. Wer brauch schon Urlaub, wenn er hier in Istrien lebt? Sonne satt, eine unvorstellbare Landschaft und eine Architektur, die der in Frankreich oder Italien in nichts nachsteht. Istrien ist der nördlichste Teil des langgezogenen Landes, eine mit Steinen übersäte Halbinsel zu der mir auch gleich eine kurze Geschichte einfällt, die man sich hier erzählt:

Als Gott die Erde erschaffen hat, dachte er sich, ein Landstrich soll aussehen, wie das Paradies. So ist Istrien entstanden. Ein traumhafter Ort. Als der Teufel das gesehen hat, wurde er eifersüchtig. Rasend vor Wut zerriss er den Sack, in dem die Engel die Felsen transportierten, die noch zu verbauen waren. Und ganz Istrien wurde übersäht mit Felsbrocken.

Das ist auch der einzige Wermutstropfen, den man finden könnte. Einen Sandstrand sucht man hier vergebens. Aber keine Sorge, man gewöhnt sich ganz schnell daran, versprochen!

Istrien
Lovran

Schließlich erreichte ich mein Domizil in dem hübschen Ort Lovran. Villa Maria heißt das überaus moderne und wunderschön eingerichtete Hotel, welches ganz in der Nähe des Meeres liegt. Ich wurde von der überaus freundlichen Gastgeberin Vedrana empfangen, die mir sogleich mein Zimmer zeigte. Ich war baff. Es war qualitativ einzigartig. Sofort fühlte ich mich zuhause. Nach dem Einchecken, gab sie mir noch ein paar Tipps, bevor ich in die Stadt fuhr um mich mit Grit und Michael zum Abendessen zu treffen.

Es war ein wundervolles Wiedersehen bei unbeschreiblichstem Ambiente. Hier vergisst man wahrlich die Zeit und beginnt zu leben. Während man in der Abendsonne den Blick auf das wunderschöne Meer genießt, kommen einem viele Gedanken in den Sinn, allen voran, wie es wohl wäre, hier zu leben. Schon kommt der Ober. Natürlich esse ich Fisch. Bezahlt wird in der Landeswährung Kuna. 100 Kuna sind in etwa 14 Euro. Beseelt von diesen phänomenalen Ersteindrücken, planten wir den nächsten Tag und schlenderten anschließend noch etwas durch den Ort, bevor wir in unsere Hotels fuhren.

Lovran
Aufbruch nach Krk

Der nächste Tag brach an. Ich schlief wunderbar und wir alle freuten uns auf unsere nächste Etappe, die Insel Krk (Kirk gesprochen). Sie liegt etwa eine Stunde entfernt und hat viel zu bieten. Allein für sie bräuchten wir Tage um sie in Gänze zu erkunden. Grit und Michael sehnten sich nach Meer und wollten endlich in die Adria springen, auch ich verlangte danach, doch wollte ich auch die Umgebung erkunden. Somit entließ ich sie nach Ankunft in Njivice, einem der ersten Ortschaften auf der Insel und fuhr allein weiter in die Stadt Krk um dort ein paar Aufnahmen zu machen. Ich verweilte etwa zwei Stunden hier, bevor ich anschließend zum Badestrand fuhr, wo die beiden das Meer und die Sonne in vollen Zügen genossen. So gesellte ich mich dazu und vergaß den tristen Alltag in der Heimat.

Die Stadt Krk
Rijeka

Viele Stunden später verließen wir die Insel Krk, um uns wieder auf den Heimweg zu machen. Auf halber Strecke durchquerten wir eine der größten Städte in der Region, Rijeka. Wir wollten hier unseren Abend verbringen, etwas Essen und uns den Ort ansehen. Wahrlich, es ist eine bezaubernde Stadt, in der man ewig verweilen kann. Die wunderschönen Gassen, die Architektur und die liebenswerten Menschen, hinterlassen zwangsläufig einen bleibenden Eindruck. Was soll man dazu noch sagen? Man muss es einfach erleben.

Rijeka
Erste Eindrücke

Schon die ersten beiden Tage brachten so viele wunderschöne Impressionen mit sich, dass es nicht ausreicht, das gesamte Ausmaß dieses wundervollen Fleckchens zu würdigen. Deswegen werde ich diesmal meine Erfahrungen in einem weiteren Artikel fortführen, den ich demnächst veröffentlichen werde. Für den Anfang, will ich euch erste Eindrücke präsentieren.

~ Ulli

Eva und der Chiemgau

Urlaubsplanung

Endlich Urlaub. Endlich die Seele baumeln lassen, den Alltag vergessen und versuchen, diesen ganzen Wahnsinn, der hier gerade passiert, ein Stück weit in den Hintergrund zu rücken. Das war nur fern der Heimat möglich.

Nach kurzer Recherche war die Route gesetzt: Kroatien. Freunde von mir fuhren schon relativ oft hin und fragten mich, ob ich nicht mitkommen mag. Dort soll alles etwas entspannter als hier sein, es herrscht weniger Angst, hier lebt man! Für mich klang das einfach perfekt.

Etwas über eintausend Kilometer trennen mein Ziel von der Heimat. Warum sich soviel Stress ausliefern? Ich suchte nach einer Übernachtungsmöglichkeit auf halber Strecke und entdeckte Evas Kleinod im Chiemgau. Ihr Titel, samt Beschreibung der Übernachtungsanzeige stachen mir sofort ins Auge. Also schrieb ich ihr und hoffte, dass sie mich kurzfristig für eine Nacht beherbergen könne. Zum Glück klappte es.

Eine Reise beginnt

Die Taschen gepackt und mit massig an Liedgut ausgestattet, ging es los gen Süden mit Zwischenstopp im Chiemgau. Dieser liegt in einem der südöstlichsten Zipfel Deutschlands, kurz vor den Toren der Alpen und der Grenze zu Österreich. Ganze sechs Stunden Autofahrt trennen meine Heimat Wittenberg von dieser bezaubernden Gegend.

Zu Gast bei Eva

Endlich hatte ich mein Ziel am frühen Nachmittag erreicht. Dank Navi war es kein Problem, diesen versteckten Ort zu finden, der sich ein paar Kilometer weit weg des Chiemsees befindet. Es war ein riesiges mit Blumenkästen behangenes Haus, typisch bayerisch eben. An der Tür klebte ein Zettel mit der Info, wo ich parken kann und dass ich ums Haus in den Garten kommen soll, in dem Eva verweilte. Gesagt, getan, lief ich ums Haus und wurde aufs Herzlichste begrüßt. Ich spürte sofort, was für ein offener und liebevoller Mensch sie war.

Sie führte mich anschließend in das charmant eingerichtete Gästezimmer, was sie mit einem herzlichen Willkommensgeschenk versah. Eine kleine Erdbeerschale, eine Flasche Wasser und eine Süßigkeit waren für mich bestimmt.

Nach dem Einchecken zeigte sie mir das Haus und lud mich zu einem Kaffee ein. Wir setzten uns in den Garten und unterhielten uns ganz so, als würden wir uns schon ewig kennen. Wir erzählten von unseren Leben, unseren Zielen, von dem, was wir noch vorhaben und philosophierten über die Welt. Dabei kam heraus, dass wir die Dinge ganz ähnlich sehen und fühlen. Überhaupt scheint sie die Gabe zu besitzen, Menschen sehr gut einschätzen zu können. Empathie und Mitgefühl sind ganz offensichtlich ihre beeindruckendsten Eigenschaften.

So vergingen die Stunden. Ich erwähnte, dass ich früh aufstehen und weiter müsse und mir leider nicht viel Zeit bleibt, um einen Hauch an Eindrücken aus dieser Gegend zu gewinnen. Ich dachte mir, wenn ich schonmal hier bin, muss ich wohl auch mal an den berühmten Chiemsee, doch Eva erwiderte, dass dort ja jeder hingehe und ich mir lieber die unmittelbare Gegend ansehen solle. Gern zeigt sie mir ein wenig. Erfreut von diesem Angebot, stiegen wir beide in mein Auto und fuhren einen Abschnitt des Landstrichs ab.

Von Freunden, Quellen und der Weite

Die Erdbeeren, die ich auf meinem Nachttisch zur Begrüßung vorfand, stammen von einer befreundeten jungen Familie, die sich ganz in der Nähe einen Garten hält. „Lass uns da mal hinfahren“, sagte Eva, „Ich mache dich mit ihnen bekannt.“

Begleitet von herrlichstem Sonnenschein, ging es also Richtung „Bamreih“. Angekommen, traf ich herzliche Leute, die mir ein wenig über ihr Leben und ihre Leidenschaft erzählten. Eva pflückte Erdbeeren und unterhielt sich mit den Beiden. Die Kamera gezückt, versuchte ich ein paar Momentaufnahmen festzuhalten.

Anschließend verabschiedeten wir uns und fuhren in etwas höhere Lagen. Es sollte zu einer Quelle gehen, aus der sie stetig ihr Trinkwasser auffrischt. Glücklicherweise hatte ich meine Trinkflasche mit, so dass ich ebenfalls in den Genuss kam, von dieser kostbaren Naturquelle zu probieren. In der Tat spürte ich die Reinheit. Sicher lag das aber auch an dem bezaubernden Ambiente, was mich umgab. Wer hier lebt, brauch nicht in den Urlaub zu fahren. Es ist traumhaft schön, hier kann man wahrlich die Seele baumeln lassen, dachte ich mir, als wir zu unserem letzten Ziel fuhren, von wo aus wir einen herrlichen Ausblick auf Evas Chiemgau erhielten. Ich entdeckte sogar noch eine versteckte Bank, von der Eva noch nichts wusste, wir saßen uns hin und genossen die Aussicht.

Abschied

Die Stunden vergingen wie im Fluge. Am Abend setzten wir uns noch eine Weile in den Garten. Sie bewirtete mich mit einem Gericht aus einem ortsansässigen Gasthof und kredenzte mir noch einen hauseigenen Salat, der schon optisch seinesgleichen sucht und ebenfalls verewigt werden musste.

So viele Eindrücke bereits am ersten Urlaubstag, die Messlatte hing ziemlich weit oben. Zufrieden fiel ich ins Bett.

Am nächsten Morgen packte ich meine Sachen und wollte los. Eva sagte, dass ich sie noch ein Stück mitnehmen soll, um mir einen letzten Ausblick zu zeigen, bevor es weiter geht. Natürlich konnte ich dieses Angebot nicht abschlagen und wurde in der Tat belohnt.

Es waren wunderbare Stunden am Chiemgau. Erst später auf dem Rückweg, sollte ich kurz am Chiemsee anhalten, um ein paar Aufnahmen zu machen. Natürlich kann ich nur einen kleinen Eindruck vermitteln in dieser kurzen Zeit, aber das, was ich festhielt, möchte ich mit Euch teilen.

~ Ulli

Der Klang der Kunst

Vom Anfang einer Begegnung

Zeitgleich zum Eurovision Songcontest fand das Pendant in der alternativen Szene statt: der Nuovision Songcontest. In einer vorherigen „HomeOffice“ Folge wurde dafür geworben, dass sich Zuschauer der Sendung mit ihrem Musikclip für die Teilnahme bewerben können. Die Resonanz auf diesen Aufruf fiel deutlich höher aus, als gedacht. Persönlich fand ich das eine wundervolle Idee und genoss dieses Event bei Popcorn und Bier. Ganze fünf Stunden lang wurde dem geneigten Zuschauer hochkarätige Musik präsentiert. Dieses digitale Ereignis war ein voller Erfolg.

Unter Anderem reichte auch ein Berliner Rapper mit Namen „Paart MC“ einen Song ein. Erste Notiz nahm ich von ihm, als er in der Jubiläumssendung Wochen vorher musikalisch überraschte. Obwohl ich gänzlich anderen Klängen lausche, war ich irgendwie angetan. Die Melodie, der Text und die spürbare Professionalität, bewogen mich zu einem leichten Mitnicken.

Inspiriert von diesem tollen Abend, den die Freischaffenden da auf die Beine gestellt hatten, dachte ich mir, ich schreibe dem Paart einfach mal eine Email und biete ihm meine fotografischen Dienste an. Ich sagte frei heraus, dass ich noch keine Erfahrungen damit gemacht hätte, einen mir bis dato unbekannten Menschen aufzunehmen und dass HipHop nun wirklich nicht meine Musik ist, aber dennoch erkenne, was er Künstlerisches erschafft. Meine Anfrage weckte offensichtlich sein Interesse. Er freute sich, dass ich Kontakt aufnahm und stand für ein Treffen gern zur Verfügung. „In zwei Wochen hier bei mir in der Nähe Berlins, okay? Hier gibt es einen Museumspark mit alten Fabriken.“ Die Location klang super. Natürlich willigte ich ein.

Der Tag der Wahrheit

Endlich war es soweit und es konnte losgehen. Nur zwei Stunden Autofahrt trennten uns voneinander, so dass es kein Problem war, das Ziel pünktlich zu erreichen. Etliche Autobahnbaustellen später, wartete der Paart, der mit bürgerlichen Namen Manuel heißt, bereits auf mich. Wir begrüßten uns, als würden wir uns schon ewig kennen. Es war sofort klar, dass wir miteinander können.

Wir betraten die ersten Meter des Museumsparks bei prallstem Sonnenschein, suchten uns eine Bank und tauschten uns erst einmal eine Weile aus. Solange er denken kann, ist er diesem Genre verfallen. Samy Deluxe ist eine echte Inspiration für ihn, denn er sei einer der wenigen authentischen Künstler. Er erzählte mir, wie er zu Nuoviso kam, wie er an diesen gemütlichen Wohnort gelangte und was ihn antreibt. Auch bei ihm begann es mit einem Gefühl, einer Ahnung, dass mit dem öffentlich vermittelten Narrativ etwas nicht stimmen kann. Die Verhältnismäßigkeit war einfach nie gegeben, auch der von Beginn an fehlende wissenschaftliche Diskurs in dieser Sache, trug zu einem mulmigen Gefühl bei. Wir beide erinnerten uns in diesem Augenblick an den überaus erfolgreichen Artikel des Journalisten Milosz Matuschek, der unsere Gedanken bereits vergangenes Jahr hervorragend zusammenfasste. All diesen damit einhergehenden Schmerz und innerlichen Widerspruch verarbeitet er in seinen Texten. Sie sind inhaltlich extrem ausdrucksstark und vermitteln Authentizität. Ich erhielt eine persönliche Kostprobe seines Könnens, in dem er mir seinen neuesten und bisher unveröffentlichten Song präsentierte.

Die ersten Aufnahmen

Wir liefen weiter durch den Park. Ich zückte das erste Mal meine Kamera und sagte, „Lauf einfach drauf los. Ich bin genauso gespannt wie du, ob am Ende ein paar brauchbare Aufnahmen herauskommen werden.“ Das gesamte Areal war gespickt mit Optionen. Wir beide haben uns ungezwungen treiben lassen und einfach probiert. Ich fragte mich, welche Art Bilder würden ihm wohl gefallen? Ich versuchte den Spagat zwischen Natürlichkeit und gestellten Posen.

Es ging auf hohe Gerüste und düstere Kellergewölbe. Das Ambiente war wirklich gut geeignet. Unterwegs trafen wir einen Hausmeister, der uns ein bisschen was über die tierischen Zeitgenossen erzählte, die hier in der Gegend zuhause sind. Sofort nutzte ich die Gelegenheit, um ein paar Aufnahmen zu machen. Insgesamt verbrachten wir ungefähr drei Stunden und der Auslöser wurde meinerseits ganze 700 mal betätigt. Mittlerweile schwebte mir schon ein grober Bearbeitungsstil vor, der passen könnte.

Ein inspirierender Tag geht zu Ende

Am frühen Abend setzten wir uns nach getaner Arbeit bei einem Glas Cola in den Park, philosophierten noch ein wenig über diese unglaubliche Zeit und genossen die untergehende Sonne. Für uns beide ist die Kunst der Weg, den wir gehen, um diese Zeit sinnvoll zu bewältigen. Wir wollen nicht indoktrinieren oder überzeugen, wir möchten etwas anbieten, von dem man sich nehmen kann, was man möchte. Denn wenn wir ehrlich sind, lassen sich Menschen nicht bekehren, auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Jedes Individuum glaubt an etwas, an sein fast unumstößliches Weltbild. Ich denke, man kann nur versuchen zu inspirieren und alternative Perspektiven präsentieren, zugreifen muss jeder selber.

Mit diesen Gedanken verabschiedeten wir uns brüderlich. Uns beiden war es ein Fest und mir eine Ehre, den Paart aufnehmen zu dürfen.

~ Ulli

Link zu Paart MC´s Youtubechannel

Wo ich die Freiheit sah

Einflüsse

Schon immer beeinflusste mich Musik außergewöhnlich stark. Nichts kann eine Empfindung besser verkörpern. Deswegen schaffe ich es auch, Lieder in Dauerschleife zu hören, weil ich das jeweilige Gefühl immer und immer wieder erleben möchte. Momentan geht es mir so mit einem Lied von „The Anix“. Während ich diese Zeilen schreibe, läuft es ununterbrochen und hilft mir dabei, die richtigen Worte zu finden, um meinen Gedanken den optimalen Ausdruck zu verleihen. Es nennt sich „Pendulum“ und besitzt nur zwei Zeilen, die sich stetig wiederholen: „like a pendulum, free until it stops„.

Es beinhaltet all das Unfassbare, was mich umgibt in komprimierter Form. Die Gewissheit, dass mit der Welt etwas nicht in Ordnung ist, schwindet für einen Moment. Es regt sich eine Sehnsucht nach einer besseren Welt, einer Welt, die frei ist, in der die Menschen in Frieden miteinander leben. Eine Welt, in der man unbeschwert Mensch sein kann und in der man die Leichtigkeit des Seins spürt. Eine echte Traumwelt eben. Vor Kurzem traf ich Menschen, die mir genau das vermittelten.

Johanna & Magdalena
Fremde, die zu Freunden wurden

Es gibt Momente im Leben, die einem auf ewig in Erinnerung bleiben. Zufällige Begegnungen, bei denen man unweigerlich spürt, dass sie einem wohlgesonnen sind, auch wenn man es nicht sofort rational begründen kann. Es sind die Augenblicke, die das Leben so besonders machen. Manchmal spürt man einfach, dass man aus dem selben Holz geschnitzt ist, ohne auch nur ein Wort gewechselt zu haben. So erging es mir bei den Ackerpiraten, eine wunderbare Großfamilie, die ich durch einen glücklichen Zufall treffen durfte und ganz in der Nähe meiner Heimatstadt ihr inspirierendes und freies Leben führt.

Meine Motivation

Schon seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken, meinen Fokus auf das Leben in der momentanen Situation zu legen. Menschen festzuhalten, die etwas über sich zu erzählen haben, die davon berichten, welchen Einfluss die aktuelle Situation auf ihr Leben nimmt. Ich möchte diese Menschen begleiten und ihre Geschichte bildlich erzählen, so dass sie auch Andere nachempfinden können. In den Ackerpiraten sah ich einen perfekten Einstieg für mein Vorhaben.

Eingang der Ackerpiraten
Das Leben der Ackerpiraten

Wie immer, machte ich mich ohne Vorbereitung los und ließ mich treiben. Es war ein schöner Morgen. Einige Wolken begleiteten mich am Himmel, was immer gute Voraussetzungen für ein paar Fotos sind. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass ich am Ende ganze 1.850 Mal auf den Auslöser drücken würde. Endlich war ich da. Ich klingelte und wurde aufs Herzlichste begrüßt. Ich wurde durch den großen Saal in die Küche geleitet, wo ich vom Rest der Bewohner freundlichst empfangen wurde. Ich fühlte mich sofort zu Hause.

Die Ackerpiraten, das sind Noreen, Henning, Othilia, Felix, Johanna, Magdalena, Antonia, Dennis, Kevin und Jean. Gerade wurde das Frühstück vorbereitet, das Meiste natürlich selbst gemacht, sogar das Brot. Es herrschte eine entspannte und äußerst gemeinschaftliche Atmosphäre. Ich lernte viel. Unmöglich dies alles zu behalten, doch von dem, was ich mir merkte, will ich berichten.

Gemeinsames Frühstück

Die Ackerpiraten sind ein Bio-Landwirtschaftsbetrieb. Alles, was man zum Leben braucht, bauen sie selber an. Sie haben Ziegen, die sie ernähren, sie besitzen ein riesiges Feld, was sie bewirtschaften und man findet so ziemlich jedes einheimische Gemüse, was man sich vorstellen kann. Wolf Dieter Storl wäre sicher beeindruckt! Hinzu kommen die schier unglaublichen Fähigkeiten und das Wissen aus vergangenen Zeiten.

Neben dem Brot, was sie selbst herstellen, halten sie sich sogar Bienen, die sie mit Honig versorgen. Die Ackerpiraten besitzen eine riesige Vorratskammer mit eingeweckten und fermentierten Leckereien, Einiges davon, durfte ich probieren. Wahrscheinlich war all das Know How in Sachen Anbau und Ernährung, auch der Grund dafür, dass sie als einer der wenigen landwirtschaftlichen Betriebe, von der Sarah Wiener Stiftung angeschrieben worden sind, die eine Kooperation mit ihnen anstrebte und schließlich auch umsetzte.

Als Pirat in Zeiten von Corona

Wir sprachen im Laufe des Tages über sehr viele Dinge. Selbstverständlich auch über Corona und wie es ihren Alltag beeinflusst. Das Thema Politik entdeckte die Familie erst vor circa zwei Jahren, vorher war sie nie Gesprächsgrundlage am Frühstückstisch. Die Ackerpiraten boten vor der Krise Kurse für Schüler aus der Umgebung an, die die Sarah Wiener Stiftung förderte. Hier wurden den Kindern verschiedenste Grundlagen der Ernährung und des Anbaus vermittelt. Ziel des Ganzen war es, die Kinder wieder an solche Ursprünge heranzuführen, dies gelang, in dem sie mit den Kleinen Brot backten, gemeinsam kochten, Gemüse im Garten pflückten oder sich mit den Tieren auf dem Hof beschäftigten.

Den Ackerpiraten ist es eine Herzensangelegenheit, ihr Wissen an die Kleinsten weiterzugeben. Was haben die Menschen früher gemacht, als es noch keinen Strom und kein Internet gab? Wie haben sie sich damals ernährt oder wie haben sie gelebt? Die Piraten möchten ein Bewusstsein dafür schaffen, was es heißt, unabhängig zu sein und frei und Selbstbestimmt leben zu können. Seit Anfang vergangenen Jahres ist all das nicht mehr möglich.

Die kleine Elli

Doch es gibt auch Positives, was diese Situation mit sich brachte. Noreen, Mutter und offensichtliches Familienoberhaupt der Ackerpiraten, teilte mir mit einem Lächeln mit, dass trotz aller Widrigkeiten, das Gemeinschaftsgefühl stark gestiegen ist. Es hat die Familie noch viel mehr zusammengeschweißt, da niemand mehr zur Universität gehen muss und alle von zu Hause aus studieren können . Es gibt deutlich mehr fleißige Hände, die dieses Großprojekt stemmen und es bleibt eine Menge Zeit füreinander.

Ein nachhallender Tag geht zu Ende

In ihr Leben durfte ich einen ganzen Tag eintauchen und es fotografisch begleiten. Ich spürte die Freiheit, die Unbeschwertheit, die Gemeinschaft, die Aufrichtigkeit und echtes Herz. In Zeiten wie diesen, hege ich ganz besondere Dankbarkeit für solche Momente. Vielleicht inspirieren sie den Einen oder Anderen dazu, sich ebenfalls mit Menschen zu umgeben, die einen Gut tun, an statt permanent gegen etwas zu kämpfen.

~ Ulli

Link zu den Ackerpiraten