Alles was bleibt

Eingeständnis

Schon seit geraumer Zeit versuche ich Worte zu finden, die das Unfassbare angemessen beschreiben könnten. Oft fing ich an und hörte dann doch wieder auf, da alles schon gesagt worden ist. Auf sämtliche Defekte dieser Gesellschaft wurde in jedweder Form hingewiesen, doch die Masse der Menschen möchte sie offensichtlich nicht wissen. Ich werde das nicht ändern. So gern ich sie erreichen will, ich erreiche sie nicht. Wir alle erreichen sie nicht, egal was wir tun. Sie werden uns erst hören, wenn es zu spät sein wird. Sich das einzugestehen, war nicht leicht.

Also wozu noch etwas schreiben? Ich dachte lange darüber nach. Stets mit der Kamera ausgerüstet, ging ich des Öfteren in die Natur oder fuhr umher, ohne zu wissen, wohin ich will. Ich sinnierte über die Energie, die wir auf die Straße brachten, die Hoffnung, die wir hatten, in diesem kurzen Zeitfenster tatsächlich so etwas wie eine Wende herbeizuführen. In Gedanken vereint, fühlten wir uns, als könnten wir diesem Unrecht die Stirn bieten und glaubten daran, dass der Funke der Wahrheit auf unsere Mitmenschen überspringt. Nach zwei Jahren des Kampfes muss ich jedoch konsterniert feststellen, dass die Dinge noch schlimmer geworden sind und die Wut der Verzweiflung gewichen ist. Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht, dass diese Gesellschaft am Ende ist.

Sinn und Antrieb

Also noch einmal, wofür das alles? Wozu noch etwas schreiben? Ich habe für mich eine Antwort gefunden. Ich tue es für die Nachwelt. Für die Zeit, die nach der unvermeidlichen Katastrophe hoffentlich existieren wird. Ich dokumentiere und beweise damit, dass nicht Alle blindlings folgten. Dass es Menschen gab, die hinterfragten, die die Dinge als Ganzes betrachteten, die ihr ungutes Gefühl nicht einfach unterdrückten und sich dem Unrecht entgegen stellten, wohl wissend, ignoriert, diffamiert und ausgegrenzt zu werden. Auf der Website „ich-habe-mitgemacht.de“ gibt es eine beeindruckende Liste von Personen, die sich in den letzten zwei Jahren ganz besonders hervorgetan haben. Der Philosoph Gunnar Kaiser stellte vor Kurzem die Frage, wie man mit eben jenen Teil der Gesellschaft umgehen soll und jetzt durch den veröffentlichten Evaluationsbericht eines Besseren belehrt worden ist. Entgegnet man ihnen mit Vergebung oder Vergeltung? Diese Frage brachte mich zum Nachdenken. Wahrscheinlich könnte ich sie jeden Tag anders beantworten, denn mein emotionales Pendel schlägt stetig in eine andere Richtung aus. Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Ich kann keine eindeutige Antwort darauf geben. Wahrscheinlich habe ich nur einen Wunsch, Gerechtigkeit.

Sagen, was ist

Vielleicht gibt es sie gar nicht diese Gerechtigkeit. Wahrscheinlich haben wir uns noch nie tatsächlich verändern können als Spezies Mensch, denn diese Probleme, die es heute gibt, gab es auch schon Jahrtausende zuvor, nur auf andere Art und Weise. Wie oft setzte sich der psychopathischste Auswurf an die Spitze einer Gesellschaft, welcher wie ein Pilzmyzel die Nation unter sich erstickte. Es wird immer Gewinner und Verlierer geben, Herrscher und Beherrschte und jede noch so harmonische Zeit des Aufbruchs wird wieder und wieder vernichtet, bis ein kurzer Moment des Friedens ausbricht, bevor sich das Rad erneut von vorne dreht. Eigentlich ernüchternd, aber andererseits besteht das Leben nun einmal aus Geburt und Tod. Alles beginnt und alles endet. Warum dagegen ankämpfen?

Auch wenn uns eine schreckliche Zeit zu drohen scheint, so baut mich der Gedanke auf, dass es auch immer ein „danach“ geben wird. Ganz egal, wie es dann aussehen mag, die Natur und die Schönheit bleibt bestehen. Einen Teil von ihr hielt ich in den letzten Monaten fest. Vielleicht animiert sie, sich für einen Augenblick an ihr zu erfreuen und Kraft zu schöpfen, denn sie ist alles, was bleibt.

16 thoughts on “Alles was bleibt

  1. Hallo, mit Deinem Text sprichst Du mir aus der Seele und auch ich drehe mich immer wieder im Kreis zwischen Unverständnis, Verzweiflung, Wut und Vergebung. Ich wünsche mir, dass dieser Alptraum aufhört, die Menschen aufwachen und endlich wieder ohne Vorbehalte miteinander sprechen. Doch könnte ich Menschen ohne Groll begegnen, die mich massiv ausgegrenzt haben? Die einzige Antwort darauf, die ich für mich finden kann ist die universelle Liebe, die Eigenliebe und Nächstenliebe. Ich übe mich darin, gütig zu sein, nicht aufzurechnen, nicht zu richten, die Energie der Wut in Liebe umzuwandeln. Jeder Mensch hat sein Entwicklungstempo, mancher schneller, mancher langsamer. Auch ich habe mich entwickelt und werde versuchen, jedem Menschen sein Tempo zu lassen. Es funktioniert, jedoch je nach Tagesform, mal mehr, mal weniger. Ich übe mich in Geduld mit den Langsamen und kann und will die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch diese Zeit für etwas gut ist und es am Ende gut wird.
    Danke für Deine wunderschönen Bilder. Die Natur interessiert sich nicht für unsere Probleme und gewährt uns Auszeit und Heilung der Seele, wenn man es zulässt. Ich bin dankbar, dass ich diesen Blick noch nicht verloren habe.

    1. Herzlichen Dank für deine Nachricht. Am Ende geht jeder unterschiedlich mit der jeweiligen Situation um. Jedenfalls dürfen wir niemals das Lächeln verlieren. Es wird immer irgendwie weiter gehen. Alles Gute für dich!

  2. Am Ende bleibt immer die allumfassende Liebe, auch wenn sie uns in all dem Unbegreifbaren, das uns zu verschlingen droht, manchmal abhanden kommt.

  3. Die Gesellschaft ist am Ende, manche lernen es eben nur durch die harte Tour. Trotzdem bin auch ich nicht ohne Hoffnung, denn aus Krisen erwächst auch immer etwas Gutes…Ich habe in den letzten Monaten so viele neue und spannende Menschen kennengelernt. Ehrliche und wahrhaftige Begegnungen. Das ist ein Geschenk. Liebe Grüße,

  4. Ja., wirklich die Schönheit . Die Schönheit dient , eigentlich , keinem Zweck. Aber zu mir spricht sie , und irgendwie erfühlt sie mein Herz mit der Hoffnung , das der Sinn des Lebens doch geben muss.
    Und die Gerechtigkeit . Und das Gericht , der Höchste… .

  5. Ich denke, wir alle kennen dieses Gefühl, dass es aussichtslos erscheint. Ja, es machen einfach zu viele Leute immer noch im alten System mit und verteidigen ihre Peiniger und das Leid, das man ihnen zumutet. Aber wir tun uns auch keinen Gefallen, wenn wir denken, unsere Hoffnung liege alleine in der Macht der Masse auf den Straßen. Was kann der einzelne tun? Was können zwei oder drei Menschen erreichen, die sich auf ihre wirkliche Macht besinnen? Wie heißt es in Ein Kurs in Wundern? „Dein Geist und der meine können sich darin verbinden, dein Ego hinwegzuleuchten und die Stärke Gottes in alles freizusetzen, was du denkst, willst und tust. Gib dich nicht mit weniger als diesem zufrieden und weigere dich, irgend etwas außer dieses als dein Ziel anzunehmen.“
    Die Arbeit, die wir zu tun gerufen sind, findet nicht auf der Straße statt, sondern in uns in jedem einzelnen Moment, in dem wir wieder versucht sind, irgend einer Form von Angst und Hass, Urteil, einer Entscheidung zur Trennung etc. nachzugeben. Statt der Angst nachzugeben, entscheiden wir uns für die Freude, die Liebe, das Leben. Das in unseren Alltag umzusetzen, das erfordert wirkliche Disziplin, Bereitschaft zur Veränderung und Wachsamkeit. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen…

    1. Vielen Dank für deine ausführliche Wortmeldung. Es gibt verschiedene Wege, einen sehe ich in der Mobilisierung der Massen. Den Weg, den du vorgeschlagen hast, den einzelnen Weg, den gehe ich ja. Ich versuche mit der Kunst etwas zu bewegen. Auch wenn es nur ein kleiner Beitrag ist, so sehe ich ihn als relevant und für mich persönlich als sinnstiftend an.

      1. Ja, ich sehe mich auch als Künstler und verstehe, was du tust mit deiner Kunst. Das ist auf jeden Fall ein positiver Beitrag für dich und die Gesellschaft. Ich meinte, wir alle müssen unseren Geist neu trainieren und uns von jahrzehntelanger Indoktrination befreien. Ich denke, dass wir alle die Intensität und die Tiefe des Einflusses von menschenfeindlichen Instanzen auf unsere Sozialisation und Psyche unterschätzen. Was wir brauchen ist ein neues Denken, ein neues Verständnis des Lebens, und es beginnt mit uns und unserem Bild über uns selbst. Das mag für viele wie ein aussichtsloses Unterfangen sein, aber unsere Lernfähigkeit ist groß. Und wir können Lektionen,die uns nicht länger dienen, vergessen.

      2. Ich glaube, dass unser Lebensmodell einfach mehr Macht und Einfluss benötigt. Diese ganze geistige Einkehr bringt meines Erachtens gar nichts, denn das juckt die Machteliten herzlich wenig. Ich nehme sogar stark an, dass sie aus dem Lachen gar nicht mehr herauskommen, so friedlich, wie wir mit ihnen umgehen.

      3. Die lachen, wenn wir auf ihre Angebote und Täuschungen immer wieder hereinfallen. Ohne innere Arbeit keine Freiheit. Der ganze Inhalt des Unbewussten muss ans Licht. Der ganze Zirkus ist vorbei, wenn wir nicht mitmachen. Die Menschen machen ja nur mit, weil sie getäuscht sind.

      4. Du, ich und viele Andere fallen ja schon lange nicht mehr auf diese Lügen rein. Wir wissen doch, dass es immer der selbe Zirkus ist nur eben immer andere Clowns. Und trotzdem diese Marionetten schon längst durchschaut worden sind, machen sie einfach weiter. Und das können sie auch, denn wir werden es nicht verhindern, eben weil wir keinen Einfluss und keine Macht besitzen. Nur dann gäbe es ein Gegengewicht und die Chance auf eine echte Veränderung.

  6. Wie schön, dass ich diesen Blog entdeckt habe. Das, was du beschreibst, kann ich sehr gut verstehen.

    Die Resignation wurde bei mir besonders stark, als ich bemerkte, dass meine Freunde mich nicht mehr verstehen. Das hat mich traurig gemacht und macht mich auch immer noch traurig. Inzwischen bleibe ich jedoch ganz bei mir und erwarte nicht mehr, dass mich jemand versteht. Ich habe keinen Widerstand mehr gegen das, was ist, und lege meine Aufmerksamkeit nur noch auf die Dinge, die ich in meinem Leben haben möchte oder mit denen ich sein möchte.

    Das andere wird verschwinden, ähnlich wie eine Blume verdörrt, wenn man sie nicht mehr gießt. Und ganz automatisch wird sich auch das Außen meinem
    Inneren anpassen. Es fällt manchmal schwer, gerade, wenn das Außen noch so katastrophal erscheint. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass es genau so funktioniert. Das tolle daran ist – ich muss nichts tun, es wird automatisch und anstrengungslos passieren, bzw. Ich weiß dann ganz intuitiv, was zu tun ist.

    Herzliche Grüße
    Ulli

Kommentar verfassen