Sterbehilfe

Zwischen Leben und selbstbestimmtem Tod

Es gibt Tage, die sich unwirklich anfühlen. Tage, die man wahrscheinlich nie wieder vergisst. Dieser Samstag war so ein Tag. Ich begleitete meinen Vater ins Erzgebirge, wo mein Opa freiwillig aus dem Leben gehen wollte – begleitet von einem Arzt, vollkommen legal und aus eigener Entscheidung heraus.

Was ich dort erlebt habe, war schockierend, surreal, traurig, aber gleichzeitig auch friedlich und nachvollziehbar. Dieser Artikel soll weder provozieren noch überzeugen. Er soll einfach zeigen, wie so etwas tatsächlich abläuft und was es mit den Menschen macht, die dabei sind.

Ein weiterer Abschied

Es ist Mai. Der vorletzte Tag des Monats. Samstag. Ein einzigartiger Tag stand dem kleinen Rest meiner Familie bevor. An diesem Tag würde der Vater meines Vaters freiwillig einschlafen.

Schon einmal ereilte einen Teil meiner Familie dieses selbst gewählte Schicksal: meine Mutter im vergangenen Jahr. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch gewesen, dass ich vorher nichts davon erfahre. Nach langem Ringen gewährte mein Vater ihr schweren Herzens den Wunsch, die Bühne des Lebens freiwillig zu verlassen. Die Schmerzen waren unerträglich geworden, Hilfe unmöglich. Erst im Nachhinein erfuhr ich davon. Es war das erste Mal, dass mich etwas wirklich komplett aus der Bahn geworfen hat. Und trotzdem verstand ich es. Vor allem konnte ich es nachvollziehen.

Nun war ein Jahr vergangen und auch mein Opa wollte nicht mehr. Anders als meine Mutter hatte er ein hohes Alter erreicht. 89 Jahre verweilte er nun auf dieser Erde und spürte, dass seine Zeit einfach gekommen war. Chronische Schmerzen, schwindendes Augenlicht, regelmäßige Stürze und das Gefühl, anderen nur noch zur Last zu fallen, hatten ihn zu dieser Entscheidung bewogen.

Kurz nach dem Tod meiner Mutter nahm er Kontakt zu jenem Arzt auf, der sie damals begleitet hatte. Er wollte wissen, wie so etwas abläuft. Welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen. Ob das überhaupt erlaubt ist. Fragen, die sich vermutlich jeder stellt, der sich das erste Mal mit diesem sensiblen Thema beschäftigt.

Dabei wird in Deutschland kaum offen darüber gesprochen. Das Urteil aus Karlsruhe aus dem Jahr 2020 schuf dafür eine neue rechtliche Grundlage, doch vielen Menschen ist das bis heute kaum bekannt. Selbst Pflegeheime, Polizei oder Bestattungsunternehmen reagieren oft überrascht.

Der Gang nach Canossa

Nun war es also soweit. Erst wollte ich gar nicht mitfahren. Einen Toten hatte ich zuvor nur im Fernsehen gesehen und außerdem hatte mir das Ganze rund um meine Mutter eigentlich schon gereicht. Doch kurz vorher überlegte ich es mir anders. Ich wollte meinen Vater damit nicht alleine lassen. Vielleicht, dachte ich, hilft es mir auch selbst dabei, das alles besser zu verstehen.

Neun Uhr sollte Dr. Burkard kommen, um meinem Opa die gewünschte Hilfe zu leisten. Mein Opa Rolf lebte zu diesem Zeitpunkt seit zwei Jahren in einem Pflegeheim in Aue – dort, wo laut Franz Beckenbauer das schönste Fußballstadion Deutschlands stehen soll. Heimat meines Vaters. Ein wunderschöner Landstrich mit freundlichen Menschen und einem ganz eigenen Dialekt, der oft belächelt wird.

Um sechs Uhr morgens holte mich mein Vater in Wittenberg ab. Zwei bis drei Stunden Fahrt lagen vor uns. Er sagte, er sei froh, das nicht alleine durchstehen zu müssen. Ich wusste selbst noch gar nicht, was mich erwarten würde.

Es war ein wunderschöner Tag. Nicht zu heiß, nicht zu kalt. Die Straßen waren nahezu leer und wir kamen viel schneller voran als gedacht. Natürlich waren wir viel zu früh dran. Also beschlossen wir, vorher noch nach Bad Schlema zu fahren – dorthin, wo seit vergangenem Jahr die Mutter meines Vaters begraben liegt.

Der Friedhof dort ist wirklich wunderschön. Liebevoll bepflanzt, gepflegt und umgeben von einer besonderen Architektur. Ein stiller Ort mit erstaunlich friedlicher Atmosphäre.

Irgendwann wurde es Zeit weiterzufahren..

Ankunft im Pflegeheim

Gegen halb neun erreichten wir das Pflegeheim. Die Sonne schien bereits warm auf den Innenhof. Einige Bewohner saßen draußen, rauchten oder genossen einfach die frische Morgenluft. Manche unterhielten sich, andere blickten einfach still vor sich hin.

Mein Vater lief zielstrebig zum Fahrstuhl. Ich hinterher. Erst als sich die Türen schlossen, merkte man, wie angespannt er eigentlich war. Die ganze Fahrt über hatte er versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Doch jetzt wurde es plötzlich still zwischen uns. Es wirkte tatsächlich wie sein persönlicher Gang nach Canossa.

Dritte Etage. Die Fahrstuhltüren öffneten sich langsam. Im Vorbeigehen grüßten wir freundlich das Pflegepersonal. Aus der Küche roch es nach Kaffee. Einige Bewohner saßen dort bereits zusammen und frühstückten. Ganz hinten am Ende des Flures lag das Zimmer meines Opas. Mein Vater klopfte kurz und ging hinein. Mein Opa saß im Sessel. Als er meinen Vater sah, freute er sich sofort. Doch als er bemerkte, dass ich ebenfalls mitgekommen war, wurde seine Freude noch größer.

„Na du bist ja auch da!“ Er wirkte richtig glücklich. Mein Vater setzte sich aufs Bett, ich mich auf einen Stuhl daneben. Das Zimmer war klein, aber gemütlich eingerichtet. Alles wirkte ordentlich und sauber. An den Wänden hingen Bilder aus besseren Zeiten: Familienfotos, Aufnahmen meiner Eltern, seine verstorbene Frau, seine Freundin Bärbel. Zunächst wurde noch gescherzt. Für einen kurzen Moment fühlte sich alles fast wie ein normaler Besuch an. Doch irgendwann wurde das Gespräch ernster. Mein Vater fragte ihn noch einmal, ob er sich wirklich sicher sei. „Ja“, sagte er ruhig. „Ich bin durch. Es reicht.“

Danach sprach er viel über die Welt, über Nachrichten, über Kriege und gesellschaftliche Entwicklungen. Aber vor allem sagte er immer wieder, dass er froh sei, seine Zeit erlebt zu haben und uns nicht beneide. Früher habe man vielleicht weniger gehabt, aber vieles sei einfacher und unbeschwerter gewesen.

Das Aufeinandertreffen

Kurz nach neun klopfte es erneut. Dr. Burkard und seine Assistentin Frau Müller betraten den Raum. Die Begrüßung wirkte herzlich und vertraut. Schließlich war er es auch gewesen, der meine Mutter damals begleitet hatte. Zum ersten Mal lernte ich die beiden persönlich kennen. Freundlich, offen und erstaunlich ruhig. Man merkte sofort, dass Dr. Burkard genau wusste, was er tat. Keine Hektik. Keine Unsicherheit. Eher die Ausstrahlung eines Menschen, der diese Situationen schon oft erlebt hatte. Mein Opa lächelte, als er ihn sah. Fast erleichtert.

Während Frau Müller die Unterlagen vorbereitete, ging Dr. Burkard ins Bad, um die Infusion herzurichten. Alles wirkte routiniert und gleichzeitig erstaunlich ruhig. Es handelte sich um ein überdosiertes Narkosemittel, das zu einem friedlichen Einschlafen führen sollte.

Der letzte Akt

Als alles vorbereitet war, setzte sich der Arzt neben meinen Opa. Wir verabschiedeten uns. Ich drückte ihn noch einmal. „Bleibt stark. Alles Gute für euch“, sagte er. Er trank noch einen Schluck Wasser und aß ein Stück Schokolade. Ein Moment, der mir im Kopf bleiben wird, weil er gleichzeitig so alltäglich und so endgültig wirkte.

Danach legte Dr. Burkard die Kanüle an. Zunächst wurde Kochsalzlösung verabreicht, um sicherzugehen, dass die Infusion richtig lag. „Da wache ich morgen nicht mehr auf, hoffe ich?“, fragte mein Opa mit einem kleinen Lächeln. „Nein, keine Sorge“, antwortete der Arzt ruhig.

Noch einmal fragte er ihn, ob er sich wirklich sicher sei. Er hätte jederzeit Nein sagen können. Doch mein Opa blieb bei seiner Entscheidung. Dann bekam er die Infusion in die Hand. Er musste den Vorgang selbst auslösen – bei vollem Bewusstsein und aus freiem Willen. Der Arzt hob die Infusion leicht an. Das Mittel begann langsam zu laufen. „Sie schlafen gleich ein“, sagte er leise. „Gute Reise“, ergänzte Frau Müller.

Wenige Augenblicke später schlief mein Opa ein. Eben hatten wir noch miteinander gesprochen und plötzlich war einfach Ruhe. Kurz darauf hörte sein Herz auf zu schlagen.

„Jetzt ist er erlöst“, sagte Dr. Burkard.

Was ich empfand

Es war surreal. Noch wenige Minuten zuvor hatten wir geredet und gelacht. Nun lag er regungslos vor uns. Und trotzdem war ich erstaunlich gefasst. Vielleicht auch deshalb, weil ich spürte, wie überzeugt er selbst von seiner Entscheidung gewesen war. Er wollte nicht mehr leiden. Nicht abhängig werden. Nicht nur noch existieren. Vor allem wirkte alles friedlich. Kein Kampf. Keine Panik. Keine Qualen. Jeder hatte Zeit, sich zu verabschieden. Dinge zu regeln. Noch einmal miteinander zu reden. Und vor allem wirkte der Mensch, der ging, vollkommen ruhig.

Danach

Anschließend informierte Dr. Burkard die Kriminalpolizei. Der Beamte am Telefon kannte solche Fälle offenbar bereits und kündigte an, einen Kollegen vorbeizuschicken.

Frau Müller und ich gingen derweil etwas spazieren – gemeinsam mit ihren beiden Rauhaardackeln, die sie auf solchen Fahrten immer begleiten und währenddessen im Auto gewartet hatten. Wir unterhielten uns über ihre Heimat, ihre Tochter und darüber, wie sie überhaupt zu diesem Thema gekommen war. Ihr eigener Vater sei unter großen Qualen gestorben. Das habe ihre Sicht auf das Thema Sterbehilfe grundlegend verändert. Sie erzählte mir auch, dass viele Menschen an solchen Tagen regelrecht aufblühen. Manche ziehen ihre beste Kleidung an, andere veranstalten kleine Abschiedsfeiern oder verabschieden sich gemeinsam mit ihren Partnern.

Doch es gebe auch Fälle, in denen Menschen ihre Entscheidung kurzfristig zurückziehen oder Angehörige plötzlich Einspruch erheben. In solchen Situationen werde der Vorgang sofort abgebrochen. Später fragte ich Dr. Burkard, ob er keine Angst vor rechtlichen Konsequenzen habe. „Nein“, sagte er ruhig. „Es ist absolut legal. Aber viele Einrichtungen wollen mit dem Thema nichts zu tun haben.“

Polizei, Bestatter und letzter Abschied

Wenig später traf die Kriminalpolizei ein. Ein junger, sehr freundlicher Beamter nahm die Unterlagen entgegen und dokumentierte den Fall. Auch das Pflegepersonal wirkte überrascht. Besonders einer jungen Pflegerin merkte man an, wie nah ihr die Situation ging. Für viele dort war das offenbar Neuland.

Etwa eine Stunde später erschien schließlich das ortsansässige Bestattungsunternehmen Mühlig. Nachdem mein Opa vorbereitet worden war, durften wir noch einmal hinein. Sie hatten ihn wirklich würdevoll hergerichtet. Frische Kleidung, gefaltete Hände, Blumen zwischen den Fingern. Dann verabschiedeten wir uns ein letztes Mal. Der Sarg wurde geschlossen.

Heimreise und letzte Gedanken

Gegen Mittag war alles vorbei. Wir verabschiedeten uns von der Pflegeleitung, dem äußerst einfühlsamen Bestattungsunternehmen sowie dem Polizisten und fuhren wieder Richtung Heimat. Ein wirklich ereignisreicher Tag, der einiges hinterlässt. Mein Vater bedankte sich noch einmal bei mir, dass ich mitgekommen war. Ich hätte das Ganze etwas aufgelockert, sagte er, was gut gewesen sei.

Unterwegs gingen wir noch etwas essen. Biergarten. Schnitzel. Zwei Staropramen.

Wir stießen an. „Vielleicht schaut er uns schon zu“, sagte mein Vater leise. „Auf dein Wohl, Vater.“

Heute ist der Tag danach und die Zeilen fließen nur so aus mir heraus. Vielleicht auch, weil mir dieses Thema inzwischen wirklich wichtig geworden ist.

Ich weiß, dass viele Menschen damit Probleme haben werden. Andere werden es vielleicht nachvollziehen können. Doch unabhängig davon finde ich, dass in Deutschland viel offener darüber gesprochen werden sollte.

Dieser Artikel soll vor allem zeigen, wie so ein Tag tatsächlich aussehen kann. Ohne große Dramatisierung. Ohne politische Agenda. Einfach als persönliche Erfahrung.

Und vielleicht ist er auch ein kleines Denkmal für meine Familie.

Gern hätte ich schon damals über meine Mutter geschrieben. Doch erstens traf mich das damals viel zu sehr und zweitens war ich selbst nicht dabei. Ich konnte mir nur schemenhaft vorstellen, wie alles abgelaufen sein musste.

Deshalb möchte ich wenigstens noch ein paar Bilder meiner Mutter in diesem Zusammenhang verlinken, um ihr damit wenigstens ein kleines Stück gerecht zu werden. Es handelt sich um einen Artikel, den ich 2020 zum Hochzeitstag meiner Eltern veröffentlicht habe – aus einer Zeit, in der es ihr noch etwas besser ging, bevor ihre Krankheit immer schlimmer wurde:

>>Link

Meine Mutter und mein Opa in unbeschwerten Zeiten

Wer mehr Informationen über Dr. Burkard, den Ablauf oder rechtliche Fragen erhalten möchte, dem empfehle ich die Website des Doktors:

https://freitodbegleiter.info

Gute Reise, Opa!

Liebe ist ein Fundament

Ein Tag, der zeigt, dass es nicht um den Anfang geht, sondern darum, gemeinsam weiterzugehen.

Ein ganz besonderer Gründonnerstag

Es ist Ostern. Die Sonne scheint endlich ausgiebig. Der perfekte Tag, um zu heiraten. Susi und Andy sind Freunde von Freunden, die ich zur Trauung festhalten sollte. Man hat mich gefragt und ich habe spontan zugesagt. Also Kameras eingepackt und gewartet auf Carsten, meinen Volleyballkumpanen, der mich samt des Bräutigams abholte.

Wir begrüßten uns und ich fragte, warum es unbedingt dieses Datum sein soll. Die Antwort war einfach und gleichzeitig besonders: Beide haben am Gründonnerstag Geburtstag. Damit war klar – genau dieser Tag musste es sein. In Wittenberg gab es keinen freien Termin mehr. Also fuhren wie ins etwa zwanzig Kilometer entfernte Bad Schmiedeberg.

Früh um zehn ging es los. Eine Stunde blieb noch bis zur Trauung. Andy war aufgeregt, das hat man gemerkt. Aber da war auch viel Vorfreude. Nach vierzehn Jahren Beziehung, mit allem was dazugehört, jetzt diesen Schritt zu gehen – das ist kein kleiner Moment. Für Susi war das lange kein Thema. Heiraten musste für sie nicht sein. Erst ein familiärer Schicksalsschlag Anfang des Jahres hat etwas verändert. Plötzlich wird einem bewusst, wie schnell sich alles drehen kann. Wie schnell Dinge vorbei sein können. Also warum dann nicht den Schritt einfach wagen? Man lebt nur einmal.

Ankunft im Rathaus

Wir fuhren im Konvoi. Die Braut und der Anhang samt Freunden waren in den anderen Autos, die Carsten hinterherfuhren.

In Bad Schmiedeberg angekommen, begrüßten wir uns erst einmal, bevor wir direkt ins Rathaus gingen. Gerade noch pünktlich eingetroffen, wurden wir freundlich von der Standesbeamtin empfangen. Sie erklärte den Ablauf und ließ mir die Zeit, mich umzusehen. Wo kann ich stehen, ohne zu stören? Wo fällt das Licht gut? Welche Perspektiven funktionieren? Man schaut sich das an, ohne groß aufzufallen – einfach, um bereit zu sein, wenn es losgeht.

Der Trauungsraum im Standesamt
Wenn der Moment beginnt

Dann war es soweit. Die Türen öffneten sich und das Brautpaar betrat den Raum. Vor ihnen die Standesbeamtin, dahinter Familie und Freunde. Gespräche verstummten, alle richteten den Blick nach vorne. Man hat sofort gemerkt: Jetzt geht es los.

Susi und Andy nahmen vorne Platz, die Trauzeugen neben ihnen. Vierzehn Jahre stehen da auf einmal im Raum. Dinge, die man nicht sieht, aber spürt.

Die Standesbeamtin begann zu sprechen. Ruhig, ohne Hektik, vom Kennenlernen, vom gemeinsamen Weg und von den Jahren, die hinter ihnen liegen. Keine Standardrede, sondern etwas, das zu ihnen passt. Sie sprach davon, dass Liebe nicht nur aus den leichten Momenten besteht, sondern davon, dass man sich immer wieder neu füreinander entscheidet – und dass genau darin ihre Stärke liegt.

Zwischendurch zitierte sie Dichter aus vergangenen Zeiten. Worte, die man vielleicht schon einmal gehört hat, die aber in diesem Moment Gewicht bekommen haben. Ich bewegte mich währenddessen durch den Raum, suchte Blickwinkel und versuchte unauffällig zu bleiben, bis der Boden unter mir anfing zu knarzen. Ein kurzer Hinweis – also setzte ich mich und wartete.

Der Augenblick, der alles trägt

Dann kam der Moment. Alle standen auf, die Ringe wurden gereicht – und genau da setzte das Lieblingslied von Susi ein: Liebe ist ein Fundament. Das hat gesessen und hat mich inspiriert, diesen Artikel danach zu benennen. Schon Wahnsinn, welche Qualität die Künstliche Intelligenz mittlerweile erschaffen kann.

Der Kuss folgte kurz darauf und man hat gemerkt, wie sich die Stimmung im Raum verändert. Die Musik, der Moment, die Menschen – alles kam zusammen. Hier und da Tränen, keine großen Gesten, sondern ehrliche Reaktionen.

Danach wurde unterschrieben. Susi und Andy, die Trauzeugen und auch Lina. Ein kleiner Moment, der viel sagt, weil sie nicht einfach dabei ist, sondern dazugehört.

Anschließend wurde sich umarmt, gratuliert und miteinander gesprochen. Die Spannung fiel ab, alles wurde lockerer. Schließlich war die Zeremonie vorbei und wir verabschiedeten uns alle von der freundlichen Standesbeamtin.

Lina unterschreibt die Unterlagen
Ein Ort zum Loslassen

Vor dem Rathaus blieb die Gruppe noch eine Weile zusammen stehen. Keiner hatte es eilig zu gehen, die Sonne stand gut und die Stimmung war gelöst. Man merkte, dass alle diesen Moment noch ein wenig genießen wollten.

Eigentlich sollte ich nur die Trauung festhalten, aber ich schlug trotzdem vor, noch zum Schloss Reinharz zu fahren, um den Tag nicht direkt enden zu lassen. Die Idee wurde angenommen.

Im Park von Schloss Reinharz wurde alles noch einmal anders. Die Anspannung war weg, man konnte spüren, wie alle einmal durchatmen konnten. Die Gespräche wurden freier, das Lachen entspannter, die Umgebung tat ihr Übriges. Wir machten Gruppenfotos, Bilder von der Familie und von Susi und Andy – und immer wieder Lina mittendrin. Fast nichts wirkte gestellt, eher wie ein gemeinsames Bewegen durch den Park, bei dem sich die Momente von selbst ergeben.

Alles was bleibt

Irgendwann war auch dieser Teil vorbei. Ich verabschiedete mich von allen und wurde von Carsten wieder nach Hause gefahren. Die Feier ging im engsten Kreis weiter.

Zuhause angekommen, setzte ich mich direkt an die Bilder, sichtete die ersten Aufnahmen, machte mir Notizen und schrieb hier und da schon ein paar Sätze auf.

Dabei merkte ich, dass ich etwas Besonderes festgehalten habe. Etwas, das bleibt. Für mich – aber vor allem für das Brautpaar. Und hoffentlich eine Erinnerung, zu der sie immer wieder gern zurückschauen.

Im Spiegel der Zeit

Ein Jahr voller Abschiede und neuer Wege

Wieder ist ein Jahr vergangen.
Ein Jahr, das Spuren hinterlassen hat.

Es waren viele Ereignisse, die meinen Lebensweg in diesen Monaten geprägt haben. Gute und schwere. Leise und einschneidende. Doch vor allem waren es Menschen. Menschen, die gingen. Menschen, die blieben. Und Menschen, die neu in mein Leben traten.

In meiner Familie war dieses Jahr geprägt von Abschieden: Meine Tante. Meine Oma väterlicherseits. Und schließlich meine Mutter.

Ihre Krankheit begleitete uns über viele Jahre. Dystonie – ein Wort, das nüchtern klingt und doch kaum begreifbar ist. Eine fortschreitende, nicht aufzuhaltende Erkrankung. Still, unerbittlich, zermürbend. Eine Krankheit, bei der man nichts reparieren, nichts lindern, nichts zurückholen kann. Man sieht zu, wie ein Mensch langsam weniger wird, während er innerlich ganz wach bleibt.

Meine Mutter sprach an manchen Tagen mit mir über ihren Wunsch, selbst zu entscheiden, wann es genug ist. Oft bat sie mich, etwas zu tun. Und oft musste ich schweigen, weil ich es nicht konnte. Erst als das Leiden unerträglich wurde, suchte mein Vater einen Arzt auf, der diesen Weg möglich machte. Sterbehilfe – ein Wort, das viele noch immer erschreckt. Erst seit wenigen Jahren in Deutschland rechtlich möglich, für viele kaum greifbar. Für mich war das Recht auf einen selbstbestimmten Tod immer Teil der Menschenwürde. Wenn es ein Recht auf Leben gibt, dann auch eins auf ein Leben in Würde.

Als ich erfuhr, dass meine Mutter gegangen war, riss es mir den Boden unter den Füßen weg. Sie wollte nicht, dass ich dabei bin. Mein Vater respektierte diesen Wunsch. So erfuhr ich es einen Tag später, als ich in mein Elternhaus gerufen wurde. Ich solle mich setzen, sagte er. Dann sprach er die Worte aus, die mein Leben in ein Davor und Danach teilten. Noch heute genügt ein Gedanke, ein Satz, ein Bild – und ich bin wieder dort. Schreiben kann das nicht auflösen. Es hält nur fest.

Vielleicht ist es genau das, was ich dieses Jahr unbewusst immer wieder getan habe: festhalten. Mit Worten. Mit Bildern. Mit Momenten. Trotz weniger Artikel.

Vor fünf Jahren hielt ich den Hochzeitstag meiner Eltern fotografisch fest. Ein Tag voller Nähe, Lachen und stiller Selbstverständlichkeit. Bilder, die heute mehr sind als Erinnerungen – sie sind Beweise dafür, dass es dieses Glück gab, und ich bin froh, ihn festgehalten zu haben und möchte hiermit noch einmal daran erinnern: (Link)

Ein Jahr in Bildern und Texten

Auch dieses Jahr habe ich wieder viel fotografiert und geschrieben. Vier Artikel spiegeln das Jahr auf ganz unterschiedliche Weise:

  • Ein Tag mit Leonid – als ich die neue Arbeitsstelle bei pino Küchen antrat, wollte ich wissen, was ein LKW-Fahrer wirklich leistet. Leonid zeigte mir seinen Alltag beim Ausfahren der Möbel, und ich staunte, wie viel Kraft, Konzentration und Ausdauer nötig sind, um das alles zu leisten. Es war ein Tag voller Respekt für seine Arbeit und die Menschen, die Tag für Tag solche Leistungen erbringen.

  • Für Jan – die Jugendweihe eines jungen Menschen. Jan ist der Sohn meiner Sportkameraden beim Volleyball, und es war mir eine besondere Ehre, dass sie mir vertrauten, diesen intimen und einzigartigen Moment festzuhalten. Die Feier war voller besonderer Augenblicke, die ich in Bildern einzufangen versuchte.

  • Zurück ans Meer – eine Reise mit meinen besten Freunden, die in Kroatien heirateten. Ein besonderer Ort, vertraute Gesichter, Sonne, Meer und das Lachen von Menschen, die einem sehr nahestehen. Ich war bereits einige Male mit ihnen dort, doch diese Reise hatte eine eigene Magie – Momente, die sich wie kleine Fluchten aus dem Alltag anfühlten und die ich mit meiner Kamera zu bewahren versuchte.

  • Herbsttage –Volleyball, Stimmen, Bewegung, Energie. Ich wollte den Sport einmal bewusst in den Fokus nehmen und den Teamgeist spüren: die Konzentration, das Zusammenspiel, die Freude, wenn ein Punkt hart erkämpft wird. Es ist eine ganz andere Liga als die, in der ich spiele. Ein war ein Tag voller Bewegung, Emotionen und echtem Teamgeist.

Fotografie und Schreiben halfen mir, das Jahr zu sehen und zu verstehen. Nicht nur die schönen Augenblicke, sondern auch die Verluste, die Abwesenheit, die Spuren, die bleiben.

Zwischen all dem Schmerz hat dieses Jahr mir auch Neues gezeigt. Es hat mich daran erinnert, dass Leben selbst im größten Verlust weitergeht.

Herbsttage

Eine neue Saison

Es ist Herbst. Die letzte Etappe des Jahres bricht an. Ich mag diese Zeit, in der die Tage kürzer werden und die Natur langsam in die Dunkelheit hinabgleitet. In der sie sich ein letztes Mal farbenfroh aufbäumt, bevor sie schließlich in grauer Stille verharrt. Es ist die Zeit, in der eine ganz besondere Saison immer wieder aufs Neue beginnt.

Seit einem Jahr spiele ich nun dienstags Volleyball in Pratau, einem kleinen Örtchen nahe Wittenberg. Ein fester Termin, auf den ich mich jedes Mal freue – nicht nur wegen des Sports, sondern vor allem wegen der Menschen. Unterschiedlich, jeder auf seine Weise besonders, und doch ergibt sich daraus ein Team, das einzigartig ist.

Marina gehört dazu. Sie spielt zusätzlich in der Hobbyliga, die in Wittenberg ausgetragen wird. Dort läuft es etwas ernster ab: über eine ganze Saison hinweg treffen Mannschaften aus der Region aufeinander, Spieltag für Spieltag, von September bis Mai.

Sie weiß, dass ich gern fotografiere. Schon beim Pumpenhaus-Turnier im vergangenen Jahr habe ich Momente mit der Kamera eingefangen, und mein Artikel darüber hat ihr gefallen. Also fragte sie mich irgendwann: ‚Komm doch mal mit, begleite uns bei der Hobbyliga und mach ein paar Aufnahmen.‘ Natürlich willigte ich ein.

Ein Herbsttag in Wittenberg

Und so fand ich mich an einem wunderschönen Herbsttag nicht auf dem Spielfeld, sondern am Rand der schönen Mehrzweckhalle im Herzen der Stadt wieder. Mit der Kamera in der Hand, bereit, die Energie, die Stimmen und den Rhythmus der Spiele einzufangen – während Marina und ihre Mannschaft aus Weddin um Punkte kämpften.

Die Sporthalle in Wittenberg

Schon beim Betreten spürte ich die besondere Stimmung. Die Halle war erfüllt von Euphorie, vom Quietschen der Schuhe auf dem Parkett und vom dumpfen Knallen der Bälle. Ein Gemisch aus Energie, Konzentration und Vorfreude lag in der Luft.

Die Hobbyliga wurde 2013 vom MTV Wittenberg ins Leben gerufen, einem traditionsreichen Verein, der bereits im 19. Jahrhundert gegründet worden ist. Dank ihres Engagements können die Spieler die schöne Mehrzweckhalle kostenfrei nutzen.

Volleyball verbindet

Acht Mannschaften traten an diesem ersten Spieltag gegeneinander an. Ich spürte die Wärme und die Freundschaften untereinander, egal für welches Team sie jeweils spielten. Ich blickte in lachende Gesichter und viele umarten sich, weil sie sich lange nicht gesehen hatten. Es ist sehr familiär. Man kennt sich. Es waren einige Gäste und Angehörige da, die sich das Spektakel nicht entgehen lassen wollten.

Die Zeitung war angeblich noch nie vor Ort. Es gibt nur einen einzigen Bericht, in dem es um die Benefizveranstaltung geht, die die Hobbyliga jedes Jahr auf die Beine stellt. Dazu wird ein All-Star Team am Ende der Saison gestellt, was sich im Laufe des Jahres aus gewählten Spielern zusammensetzt. Dieses Team spielt dann gegen auswärtige Vereine, wie die Bundes- oder Feuerwehr. Die Erlöse dieses einmaligen Events kommen dann Menschen zu Gute, die etwas weniger Glück im Leben hatten und einfach einen schönen Tag erleben können.

Die Spiele beginnen

Dann ging es los. Punkt für Punkt, Satz für Satz. Lange Ballwechsel, die manchmal im letzten Moment entschieden wurden. Gesichter, die anspannten, Körper, die sich streckten, Hände, die in die Luft schnellten. Nach einem Punkt sah man die Erleichterung, nach einem verlorenen Ball nur ein kurzes Nicken – weiter, weiter.

Volleyballer in Aktion

Ich merkte schnell, dass auf einem erstaunlich hohen Niveau gespielt wurde. Saubere Pässe, schnelle Angriffe, blockierte Schmetterbälle. Ich dachte mir im Stillen: Vielleicht werde ich irgendwann auch einmal so weit kommen. Den Antrieb habe ich.

Am Ende des Tages

Am Ende waren alle zufrieden, naja, vielleicht nicht alle, aber so ist das eben im Sport. Manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen. Nach den Spielen blieb niemand allein. Spieler setzten sich vereinsübergreifend zusammen, erzählten, lachten, tranken ein Bier. Die Halle leerte sich langsam, Stimmen hallten leiser, bis irgendwann nur noch Stühle, Netze und der Geruch des Tages zurückblieben. Dann machte sich jeder wieder auf den Heimweg – mit müden Beinen und dem Gedanken an den nächsten Spieltag.

Ich für meinen Teil habe viele Aufnahmen gemacht. Vor allem Momentaufnahmen, in der sich die Sportler einmal in Aktion sehen können. Ich bin froh, dabei gewesen zu sein und hoffe, dass ich diesen Tag würdig festhalten konnte.

Rückblende

Ein Jahr voller Geschichten, Veränderungen und neuer Perspektiven

Unglaublich, wie die Zeit vergeht – es ist tatsächlich schon vier Monate her, seit ich hier auf meinem Blog das letzte Mal etwas veröffentlicht habe. Aber das ist das Schöne an einem Hobby wie diesem: Es bleibt mir überlassen, wann ich schreibe, und heute ist wieder einer dieser Momente, in denen mich die Inspiration packt. Zum Ausklang eines ereignisreichen Jahres, in dem ich nicht nur einen neuen Job antrat, sondern auch in eine völlig neue Branche eintauchte, möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um zurückzublicken – auf die Geschichten, Begegnungen und Erfahrungen, die 2024 so besonders gemacht haben.

Ein neues Kapitel beginnt

Vor vier Monaten wagte ich mich auf neues Terrain. Ich trat nach siebzehn Jahren in der Druckerei eine neue Stelle an. Es war mehr als nur ein Jobwechsel – es war der Sprung in eine völlig neue Branche. Ein Universum für sich, das ich erst allmählich erkunde und dessen Dynamik mich täglich aufs Neue herausfordert. Aber es war ein guter Start, denn ein besseres Kollegium kann man sich kaum vorstellen. Vielleicht widme ich diesem Abenteuer im kommenden Jahr einen eigenen Beitrag, um ein paar Einblicke in dieses faszinierende, aber komplexe Feld zu geben. Erste Aufnahmen dazu habe ich bereits gemacht.

Erinnerungen an eine ereignisreiche Zeit

Gerade denke ich noch etwas weiter zurück. Vor genau drei Jahren ging mein erstes Video zu den Spaziergängen in Wittenberg online. Zeiten waren das. Damals dachten wir, wir können wirklich etwas verändern. Corona. Dieses Wort war allgegenwärtig. Heute ist vieles davon nur noch eine blasse Erinnerung. Inzwischen hat sich die Welt verändert, nicht immer zum Guten: Die Kosten steigen, Konflikte eskalieren, und politisches Vertrauen erodiert. 2024 gab es kaum noch große Demonstrationen. Jene, die dennoch stattfanden, besuchte ich aber. Das große Thema war Frieden.

Höhepunkte eines ereignisreichen Jahres

Zeit, das Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Das Jahr begann mit den Bauernprotesten. Mittlerweile wird sich kaum mehr jemand daran erinnern, aber gefühlt jeder zweite Bauer war in Deutschland auf der Straße und machte seinem Unmut freien Lauf. So auch in Wittenberg. Ich fand es wichtig, diesen Tag in Würde festzuhalten. Schließlich waren es berechtigte Forderungen, die da gestellt worden sind. Warum ich den Artikel „Schiffbruch“ nannte, kann man sich hier noch einmal zu Gemüte führen: „Schiffbruch“

Anfang Februar veröffentlichte ich einen persönlichen Beitrag, in dem ich meine Ambivalenz reflektierte und die Frage stellte, welches der richtige Weg ist und ob es ihn überhaupt gibt. Ohne Bilder, nur Worte – eine bewusste Entscheidung, um die Gedanken für sich sprechen zu lassen: „Zwischen Dystopie und Hoffnung“

Im Frühling kam es zu einer außergewöhnlichen Begegnung von der ich in meinem Artikel „Von Zufällen und Hexenhäusern“ berichtete. Außerdem hielt ich einen Abend mit meiner Besten fest und verewigte meine Gedanken zum Thema Freundschaft in dem Artikel: „Vom Band der Freundschaft“

Im Mai setzte ich mein Vorhaben um und fuhr nach Berlin, um mir das Thema „Armut“ hautnah anzusehen und mir ein Bild davon zu machen. Gelesen hat jeder sicher schon einmal davon. Gesehen auch, aber ich wollte mich mit Betroffenen selbst unterhalten und ihre Geschichten hören. Es war wirklich bewegend. Meine Eindrücke verewigte ich in meinem Artikel „Von der Armut“

Wieder Mai. Männertag. Ein ganz besonderer Tag, der mich zu neuen Menschen führen sollte, die ich mittlerweile in mein Herz geschlossen habe. Die ganze Geschichte dieser tollen Stunden, habe ich in meinem Artikel „Ein Tag in Freiheit“ festgehalten.

Im Darauffolgenden Monat war es dann soweit, die Elbe Druckerei Wittenberg schloss nach 200 Jahren für immer ihre Pforten. Den letzten gemeinsamen Tag hielt ich fest und veröffentlichte ihn unter den Titel: „Das Ende einer Ära“

Wie weiter oben bereits erwähnt, fanden dieses Jahr nicht sehr viele Demonstrationen statt. Eine, die mir jedoch persönlich sehr wichtig war, besuchte ich im August diesen Jahres. Eindrücke davon, sind im Artikel „Marsch des Friedens“ zu erhalten.

Mein letzter Beitrag dieses Jahres widmete sich einem Volleyballturnier unseres Vereins. Die Bilder, die ich dabei machte, zählen zu meinen Favoriten, denn sie transportieren genau diesen amerikanischen Touch, den ich so liebe. Genannt habe ich ihn: „Eine Frage der Ehre“

Ausblick auf 2025

Nun, am Ende dieses Jahres, bleibt das Gefühl, dass jeder Moment – ob schön, schwer oder leise – seinen Platz hat. 2024 war ein Jahr der Veränderungen, des Wachstums und der Begegnungen.

Was 2025 bringt, kann niemand wissen. Aber ich bin bereit, jede neue Geschichte zu erleben, festzuhalten und zu teilen. Danke, dass ihr mich auf dieser Reise begleitet habt. Auf ein neues Jahr voller Geschichten und Augenblicke, die hoffentlich inspirieren und berühren.

Zum Schluss gibt es noch eine kleine Auswahl an persönlichen Lieblingsbildern aus diesem Jahr.

Eine Frage der Ehre

Ein Turnier in Wittenberg

Es ist Samstag. Acht Uhr. Die Sonne brennt bereits früh am Morgen und taucht die Stadt in goldenes Licht. Es wird ein sehr heißer Tag. Ein Turnier steht an – ein Volleyballturnier. Ein Verein aus dem kleinen nahegelegenen Örtchen Pratau tritt heute an, um seinen Titel zu verteidigen. Seit einigen Monaten bin ich Teil dieses Teams. Doch spielen werde ich nicht. Ich begleite lieber das Spektakel mit meiner Kamera.

Zu Gast beim „WSV“

Das Turnier findet an einem Ort statt, der einiges an Geschichte in sich trägt. Das alte Pumpenhaus, einst das Herz des nahegelegenen Schwimmbads und Nachbar des ortsansässigen Fußballvereins, ist es inzwischen ein Sportlerheim und dient heutzutage als Arena der Freundschaft, des Wettkampfs und der Gemeinschaft. Der Pokal, den es beim diesjährigen Beachvolleyballturnier zu gewinnen gibt, hat deswegen die Form einer Pumpe – ein Symbol der Vergangenheit, das in den Händen des Siegers eine neue Bedeutung bekommt.

Der Siegerpokal

Fünf befreundete Mannschaften sind es, die heute gegeneinander antreten: Der „WSV – Wittenberg“, der „VSG Fläming Nudersdorf“, „Weddin 92“, „MTV Senioren“ und wir, „Blau-Rot Pratau“. Der WSV, der auch dieses Jahr wieder als Organisator des Turniers fungiert, hat keine Mühen gescheut, um den Teilnehmern einen unvergesslichen Tag zu bereiten. Bereits beim Betreten des Geländes spürte man die liebevolle Vorbereitung: Für Musik und Nahrung wurde gesorgt, Sonnenschirme spendeten Schatten, und das Sportlerheim des Gastgebers, eine wahre Oase an diesem Tag, ludt zum Verweilen ein. Große Bäume säumen das Gelände, ihre mächtigen Kronen bieten Schutz vor der brennenden Sonne, und eine sanfte Brise bringt immer wieder erfrischende Abkühlung.

Rund 50 Menschen haben sich versammelt. Es ist kein riesiges Turnier, aber gerade das macht seinen Reiz aus. Die Atmosphäre ist familiär. Die meisten kennen sich, und doch gibt es immer wieder neue Gesichter, die sich im Laufe des Tages näher kennenlernen. Es sind nicht nur die Spieler, die diesen Tag besonders machen, sondern auch ihre Familien, Freunde und Bekannte, die sie begleiten. Es wird gelacht, geredet, und vor allem: es wird gespielt. Auf dem Feld befinden sich 6 Spieler. Bis 21 wird gezählt, dann ist einer von zwei Sätzen vorbei. Eine Zeit lang sah es so aus, dass „Wedding 92“ das Ding heute nach Hause fahren wird, doch wie sich später herausstellen sollte, war dies ein Trugschluss.

Carsten beobachtet das Spielgeschehen

Es waren klasse Leute, allesamt. Doch natürlich schlug mein Herz für die Pratauer Gang. Ein starkes Team mit tollen Menschen. Menschen wie Micha beispielsweise, der mich überhaupt erst zu diesem Verein gebracht hat. (Wie es dazu kam, dass sich unsere Wege kreuzten, kann man hier nachlesen.) Carsten, der das Spiel mit einer solchen Leidenschaft und Hingabe betreibt, dass man meinen könnte, es sei seine Lebensaufgabe. Oder Stefan, der studierte Kommunikationsdesigner, von dem ich selbst noch Einiges in puncto Gestaltung lernen kann. Und dann gibt es noch Marina, Gerd, Matze und viele andere, die ich in den vergangenen Monaten kennenlernen durfte. Sie alle bringen ihre eigenen Geschichten und Perspektiven mit, und doch eint uns alle die Liebe zu diesem Sport.

Volleyball, ein Sport der verbindet

Natürlich geht es auch um die Ehre. In jedem Spiel will man gewinnen, sonst brauch man nicht antreten, aber Volleyball ist mehr als das. Es ist ein eigener Kosmos. Hier herrscht echter Gemeinschaftssinn. Selbst nach einer Niederlage wird abgeklatscht, es gibt keine bösen Worte, nur den festen Willen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Und selbst wenn, ist das nach der Partie vergessen.

Eindrücke festhalten

Der Tag vergeht wie im Flug. Ich bin so in meiner Rolle vertieft, dass ich glatt vergesse, selbst etwas zu essen. Dabei gibt es reichlich – Steaks, Salate und sogar Kuchen hatte der WSV organisiert. Für mich aber waren die Aufnahmen das Wichtigste. Bilder, die nicht nur den sportlichen Wettkampf einfangen sollten, sondern auch die vielen kleinen Momente abseits des Spielfelds. Die strahlenden Gesichter der Kinder, die sich im Schatten der Bäume austoben, die stolzen Blicke der Partner und Freunde oder die jubelnden Rufe nach einem gelungenen Spielzug. Meine Kamera hält all das fest, und mit jedem Klick versuche ich, die Magie dieses Tages einzufangen.

Guntram, Jahrgang 1953 und seit drei Jahren Präsident des WSV, ist selbst aktiver Volleyballer. Mit seiner ruhigen, aber bestimmten Art sorgt er dafür, dass alles reibungslos abläuft. Am Ende des Tages ist es auch er, der die Siegerehrung durchführt. Und man mag es kaum glauben, aber Pratau hat es tatsächlich geschafft und den Titel nach vier spannenden Partien verteidigt. Natürlich hielt ich auch diesen Moment fest, bevor wir uns alle noch auf ein Bier zusammen setzten.

Siegerehrung
Ein wunderbarer Tag geht zu Ende

Mittlerweile ist es halb sechs und ich verabschiede mich. Während ich meine Kamera einpacke und mich auf den Heimweg mache, denke ich über den Tag nach. Fast wehmütig blicke ich zurück und stelle fest, dass es mehr als nur Teamkollegen sind, es sind Menschen, von denen sich jeder wünscht, sie um sich zu haben. Herzlich, humorvoll und bodenständig. Ich bin dankbar, ein Teil dieses wundervollen Vereins zu sein, und ich freue mich auf viele weitere Jahre, in denen wir gemeinsam lachen, spielen und Erinnerungen schaffen werden.

Der 4. Pumpenhaustag war mehr als nur ein Turnier. Er war ein Fest der Gemeinschaft – und ich bin stolz, dass ich ihn mit meiner Kamera einfangen durfte.

Das Ende einer Ära

Nach 200 Jahren schließt eine traditionsreiche Druckerei ihre Türen. Ein bewegender Abschied, den ich in Wort und Schrift festhalten möchte.

Abschied von der Elbe Druckerei Wittenberg

Nach 17 Jahren endet ein bedeutendes Kapitel in meinem Leben. Die Druckerei, in der ich so lange als Produktioner gearbeitet habe, schloss im Mai 2024 für immer ihre Türen. Es gab keinen Nachfolger, und die Geschäftsführer haben sich nach vielen Jahren des Engagements entschieden, in den Ruhestand zu gehen. Natürlich verdient. Neben vielen Interessenten, wurden auch einige der Mitarbeiter gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, die Firma zu übernehmen, doch nach reichlicher Überlegung, überwogen die Nachteile. Investitionen in Millionenhöhe wären von Nöten.

Der Monteuer baut unsere Druckmaschine auseinander
Der Monteuer baut unsere Druckmaschine auseinander
Eine Branche im Wandel

Die Druckindustrie hat in den letzten Jahrzehnten einen tiefgreifenden Wandel durchlebt. Was einst eine unverzichtbare Säule der Medienlandschaft war, ist heute eine Branche, die mit enormen Herausforderungen konfrontiert ist. Der rasante Aufstieg der Digitalisierung hat die Art und Weise, wie wir Informationen konsumieren, grundlegend verändert. Immer mehr Menschen greifen auf digitale Medien zurück, und Printprodukte verlieren zunehmend an Bedeutung. Dies hat dazu geführt, dass viele Druckereien ihre Türen schließen mussten oder gezwungen waren, sich neu zu erfinden.

Unsere Druckerei war einst ein florierendes Geschäft. Wir produzierten Bücher, Zeitschriften, Werbematerialien und vieles mehr. Doch im Laufe der Jahre wurden die Aufträge immer weniger. Viele unserer langjährigen Kunden wandten sich digitalen Alternativen zu oder ließen ihre Druckaufträge ins Ausland verlagern, wo die Produktionskosten deutlich niedriger sind. Die Globalisierung hat es ermöglicht, dass Druckaufträge schneller und günstiger an Orten erledigt werden können, die weit entfernt von unserem Standort in Deutschland liegen.

Die Offsetdruckmaschine, die über viele Jahre hinweg das Herzstück unserer Produktion war, ist ein Symbol für diese Veränderungen. Während sie bei uns nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden kann, wird sie nun an den Bosporus verfrachtet, wo sie vermutlich noch viele Jahre im Einsatz sein wird. Dies verdeutlicht, wie die geografischen Verschiebungen in der Produktionslandschaft ablaufen.

Zusätzlich zu den wirtschaftlichen Herausforderungen hat der technologische Fortschritt auch die Anforderungen an die Druckereien verändert. Die Einführung von Digitaldrucktechnologien und der Bedarf an umweltfreundlicheren Druckverfahren haben die Branche weiter unter Druck gesetzt. Druckereien müssen heute in teure, moderne Maschinen investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Für viele kleinere Betriebe, wie unsere, sind diese Investitionen jedoch kaum zu stemmen.

Die Digitalisierung hat zudem neue Geschäftsfelder eröffnet, die traditionelle Druckereien nicht ohne Weiteres bedienen können. Online-Druckportale und spezialisierte Anbieter haben den Markt erobert und bieten eine Vielzahl von Dienstleistungen an, die weit über den klassischen Druck hinausgehen. Von personalisierten Fotobüchern bis hin zu kleinsten Auflagen in hoher Qualität – die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Doch diese Entwicklung hat auch dazu geführt, dass viele traditionelle Druckereien den Anschluss verloren haben.

Unsere Geschichte ist nur ein Beispiel für den umfassenden Wandel, den die Druckbranche durchlebt. Es ist eine Geschichte von Anpassung und Widerstand, von Verlust und Neuanfang. Trotz der schwierigen Umstände haben wir immer unser Bestes gegeben und qualitativ hochwertige Arbeit geliefert. Doch am Ende mussten wir erkennen, dass der Wandel unausweichlich ist und dass es manchmal besser ist, Abschied zu nehmen und Platz für Neues zu schaffen.

In der Elbe Druckerei gab es Spaß und Zusammenhalt

Jedes Jahr gab es Abteilungs-, Betriebs- und Weihnachtsfeiern. Selbst ein „Gautschfest“ wurde organisiert. Das Gautschen ist ein bis ins 16. Jahrhundert rückverfolgbarer Buchdrucker­brauch, bei dem ein Lehrling nach bestandener Abschlussprüfung im Rahmen einer Zeremonie, ähnlich dem Neptunfest, in einem Wasserbottich untergetaucht und auf einen nassen Schwamm gesetzt wird.

Susi wird 2011 in der Elbe Druckerei gegautscht

An Geburtstagen wurde zusammengelegt und morgens gab man sich die Hand. Es kam sogar vor, dass wir außerhalb der Arbeitszeit gemeinsam feierten. Den Männertag beispielsweise, zelebrierten wir oft bei Günther, dem Drucker, der ein echtes musikalisches Talent besaß. Ein Zusammenhalt, den man nicht oft erlebt in Unternehmen.
Tränen wurden vergossen, Geschichten erzählt und ein letztes Mal die Maschinen bewundert, die uns über die Jahre hinweg begleitet hatten. Den Drucksaal so zu sehen, machte nachdenklich.

Günther und seine Freunde spielen live am Männertag
Die letzten Augenblicke

Mit meiner Kamera bewaffnet, habe ich die letzten Tage und Stunden in der Druckerei festgehalten. Die Chefs gaben eine Abschlussfeier. Jede Ecke, jeder Raum und jeder Arbeitsplatz ist auf den Fotos verewigt. Auch die Momente mit den Kollegen. Ich wollte diese Erinnerungen nicht nur für mich selbst, sondern auch für sie und die Geschäftsführer bewahren, die dieses Unternehmen aufgebaut haben. Die Emotionen waren greifbar, als wir realisierten, dass dies unser letzter Tag hier sei. Wermutstropfen war einzig und allein, dass ich mich lange Zeit in Gespräche vertiefte und erst mit den Aufnahmen begann, als Einige der Kollegen schon wieder weg waren.

Dankbarkeit und Abschied

Ich blicke mit Dankbarkeit auf die Zeit zurück, die ich in der Druckerei verbracht habe. Es war mehr als nur ein Arbeitsplatz – es war ein Ort der Gemeinschaft, des Lernens und des Wachstums. Die Geschäftsführer, Kollegen und ich haben gemeinsam viele Herausforderungen gemeistert und Erfolge gefeiert. Der Abschied fiel uns allen schwer, aber wir wissen, dass es Zeit für einen neuen Anfang ist. Die gemeinsamen Erfahrungen und die dabei entstandenen Freundschaften werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben. Die Fotos, die ich an diesem letzten Tag gemacht habe, sind mehr als nur Bilder – sie sind Zeugnisse einer Zeit, die ich nie vergessen werde. Sie erinnern mich an die Menschen, die ich kennengelernt habe, die Erfahrungen, die ich gesammelt habe, und die Lektionen, die ich gelernt habe. Auch deswegen habe ich mich dazu entschieden, einige ältere Aufnahmen in diesem Artikel mit aufzunehmen, um diese besondere Zeit zu würdigen und auf ewig festzuhalten.

Schlusswort

Der Abschied von der Druckerei markiert das Ende einer Ära. Mit Wehmut und Dankbarkeit blicke ich zurück, doch mit Zuversicht und Neugier nach vorne. Die Zukunft mag ungewiss sein, aber sie ist voller Möglichkeiten. Die Elbe Druckerei mag ihre Tore für immer geschlossen haben, aber die Erinnerungen an diese tolle Zeit werde ich immer in meinem Herzen tragen.

Von Zufällen und Hexenhäusern

Ein unvergessliches Treffen in Wittenberg

Erinnerung an vergangene Zeiten

Letzte Woche erhielt ich eine Nachricht von Eva, jener Eva, über die ich vor einigen Jahren einen Artikel geschrieben hatte. Damals übernachtete ich eine Nacht in ihrer Unterkunft im Chiemgau, um nicht in einem Ritt ins Urlaubsziel Kroatien fahren zu müssen.

Sie teilte mir mit, dass sie nach Rügen müsse und einige Zwischenstopps einplane. Einer davon sollte Wittenberg sein. Natürlich willigte ich ein.

Wiedersehen

Der Tag der Ankunft brach an. Nachdem Eva mir ihre Adresse mitgeteilt hatte, machte ich mich am späten Abend auf den Weg, um sie abzuholen und ihr die Stadt zu zeigen. Als ich ankam, wurde ich herzlich empfangen und in ihr unglaublich schönes Zuhause eingeladen, welches sie für die nächsten zwei Nächte bewohnen würde. Ich war sprachlos. Die „Alte Schule“, wie sie es nannte, war ein wahres Juwel. Rustikal, aber zugleich elegant und einladend eingerichtet – ein perfekter Mix aus Luxus und Gemütlichkeit. Die kleinen Produkte aus einheimischer Produktion und Bilder früherer Schulklassen aus diesem Gebäude, runden all die Schönheit perfekt ab. Es ärgerte mich, dass ich meine Kamera nicht dabei hatte. Das musste ich unbedingt nachholen, beschloss ich.

Während ich weiterhin die Räume bewunderte, räusperte sich Eva laut und eine Tür öffnete sich. Ich konnte meinen Augen kaum trauen, als plötzlich Julia, eine alte Freundin, vor mir stand, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Früher feierten wir oft zusammen und genossen die düsteren Klänge der „Schwarzen Szene“. Ich war wirklich überrascht und erfreut, sie wiederzusehen. Wir standen lachend da und waren überwältigt von diesem Wiedersehen. Verblüfft fragte ich, wie es zu dieser unerwarteten Zusammenkunft gekommen sei. Eva erwähnte während ihres Treffens mit ihrer Vermieterin Julia nur zufällig meinen Namen, was sie aufhorchen ließ und meinte, „Neeeeeiiin, das gibt´s doch nicht! Was für ein Zufall!“ Es war ein wahrhaft magischer Moment.

Julia war so euphorisch, dass sie uns kurzerhand in ihr „Hexenhaus“ einlud. „Morgen Abend bei mir, okay?“ Spontan willigten wir ein. Anschließend fuhr ich mit Eva in die Stadt und wir gingen im hiesigen Brauhaus etwas Essen. Sie war sehr erstaunt, wie schön Wittenberg ist und welch Geschichte es hat. Ganz neu war ihr, dass sogar Napoleon hier gelebt hatte und es eine Hundertwasserschule gibt.

Im Hexenhaus

Am nächsten Tag holte ich die Chiemgauerin pünktlich ab um Julias Einladung zu folgen. Diesmal hatte ich jedoch meine Kamera dabei und konnte somit vorher noch ein paar Eindrücke der alten Schule samt Umgebung festhalten. Anschließend ging es los.

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Der Weg führte in einen abgelegenen Wald am Rande der Stadt. Schon von Weiten sahen wir ihre Finnhütte, die sie kichernd als ihr kleines „Hexenhäuschen“ bezeichnet. Geparkt, zückte ich sofort meine Kamera und machte ein paar Aufnahmen von ihrem bezaubernden Domizil. Auch Eva kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, denn man sah, wieviel Liebe und Schweiß sie auch hier investiert hatte, um sich ein solch schönes Zuhause zu schaffen. Freudestrahlend begrüßte Julia ihre Mieterin und mich und erzählte ein wenig darüber, wie es dazu gekommen war, sich hier niederzulassen. Zusammen mit ihrem Mann erschufen sie all diese kleinen Wunder, die ihresgleichen suchen. Sie zeigte uns Bilder der früheren „Alten Schule“. Unglaublich, was sie daraus gemacht haben. Ganze sechs Jahre investierten sie, aber am Ende hat es sich gelohnt. Die fortlaufenden Buchungsanfragen und Bewertungen sprechen eine eindeutige Sprache.

Schließlich betraten wir das Hexenhaus. Natürlich war auch hier alles geschmackvoll eingerichtet. Empfangen wurden wir mit einem Baden-Württembergischen Wein der etwas trockeneren Sorte, sowie einem hervorragenden Mahl, dessen Rezept ich nicht wiedergeben kann. Es waren auf jeden Fall viele Tomaten enthalten. Sie konnte also nicht nur gut kochen, sondern auch zaubern. Gibt es eigentlich etwas, was sie nicht kann? Kaum zu glauben, was dieses Energiebündel schon alles erreicht hat. Ich freute mich sehr für sie und ihre Familie, die sich während unserer Zusammenkunft noch im fernen Bayern aufhielt. Dort leben sie schon eine ganze Weile. Allein das war natürlich schon immens viel Gesprächsstoff für Eva und Julia. Während die beiden von ihren Leben erzählten, versuchte ich hier und da ein paar Momente einzufangen.

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Und so verging der Abend wie im Flug. Schade eigentlich, aber er war so ungezwungen und schön, dass ich ihn hiermit verewigen möchte.

Abschied

Morgen geht es für Eva weiter nach Potsdam, ihren zweiten Zwischenstopp. Sicher wird es dort auch wundervolle Augenblicke geben, aber die Messlatte haben die Wittenberger ganz schön hoch gehängt.

Danke an die beiden Skorpione, Eva und Julia.

PS: Wer sich für eine Unterkunft in Wittenberg interessiert, den kann ich die „Alte Schule“ wirklich ans Herz legen. Hier geht´s zur Website: Link

Schiffbruch

Kein Tag wie jeder andere

Deutschland. Wir schreiben den 08. Januar 2024. Wieder so ein denkwürdiger Tag, an dem ein Teil des Volkes auf die Straße geht, um seinen Unmut über die vorherrschende Situation in diesem Lande zum Ausdruck zu bringen. Erneut ist es nur ein kleiner Teil. Abermals ist es nicht die Masse, die nötig wäre, um endlich wirklich etwas bewirken zu können. Zuviele sind es, die dem Zauber der verderbten Kultisten noch immer glauben schenken und diejenigen auf das Übelste diffamieren, die auf das drohende Unheil lautstark hinweisen. Ihre unermüdliche Gutmütigkeit ist es, die weiterhin auf das Perfideste ausgenutzt wird und dafür sorgt, dass das Imperium unbehelligt existieren darf.

Hoffnung und Realität

Doch nun gibt es einen Hoffnungsschimmer, denn diesmal ist es nicht nur das „gemeine“ Volk, das protestiert, sondern Menschen, die dieses buchstäblich ernährt, es versorgt und am Leben hält. Es ist der Teil der Gesellschaft, der dafür sorgt, dass sie überhaupt existieren kann. Ohne diesen existentiellen Part der Gemeinschaft würde alles in sich zusammenbrechen. Angst, Verzweiflung und Not wären wieder eine ganz reale Bedrohung. Denn Hunger – und das ist ein altes Sprichwort – macht böse.

Aber vielleicht ist es das, was gewünscht ist? Bekanntermaßen lässt sich aus Chaos und Hoffnungslosigkeit ein vorzüglicher Cocktail mixen. Einer, der die düstersten Visionen einiger Weniger zur infernalen Realität werden lassen kann. Wie kann man sich sonst erklären, dass jegliche politische Entscheidung gegen das eigene Volk gerichtet ist? Ich entschuldige mich für die drastische Wortwahl, aber wie soll man es sonst interpretieren? Wie soll man es deuten, dass der ganzen Welt Hilfe angeboten wird aber die eigene Bevölkerung stetig geschröpft und mit Unsinnigkeit konfrontiert wird? Nur ein Beispiel: Die Bundesregierung nimmt jedes Jahr mehr Steuern ein als im Jahr davor. Allein seit 2009 haben sich die Steuereinnahmen um fast die Hälfte erhöht. (Quelle). Während ich diesen Artikel verfasse, lese ich, dass die Regierung trotz der Bauernproteste ihre Sparpläne fortsetzt. (Quelle). Wenn mir das jemand logisch erklären kann, bin ich offen für ein Gespräch.

Aber eines gibt mir Zuversicht. Und zwar, dass jeder, der für sich entschieden hat, hinter die Kulissen zu schauen, nie wieder zurück kann. Wer einmal erkannt hat, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, der wird nie wieder an ihn glauben. Ganz egal was man ihm sagt.

Wittenberg 2024

Doch will ich zum heutigen Tag kommen, denn auch in meiner Heimatstadt Wittenberg wurde zum Protest aufgerufen. 9 Uhr. Die Sonne schien. Es herrschten minus acht Grad. Für hiesige Gefilde, durchaus kalt. Es dauerte zehn Minuten, bis ich den Kampf gegen meine vereiste Windschutzscheibe gewann. Ein paar Brote, eine Flasche Wasser und die Kamera verstaut, fuhr ich los, um die Augenblicke dieses durchaus historischen Tages festzuhalten. Ich parkte in einer Seitenstraße, lief auf die Menge zu und war überrascht, dass ich an einem Wochentag doch soviele Menschen zu Gesicht bekam. Ein paar Hände geschüttelt, legte ich sofort los, um mit meinen Aufnahmen zu beginnen und somit der Nachwelt einen Nachweis zu bieten, dass nicht alle tatenlos zusehen, bei der mutwilligen Zerstörung dieses Landes. Unzählige Menschen waren zugegen. Und nicht nur Bauern.

Reminiszenz

Ich dachte ein wenig an die Demonstration im Jahre 2020, als wir zu Millionen voller Hoffnung gegen das System aufbegehrten und doch enttäuscht wurden.

Es waren allesamt freundliche Leute. Ich führte mir vor Augen, was erst passieren muss, dass solch ein herzliches Gemüt aufbegehrt und sich an einem Montagmorgen aufmacht, die Saat liegen zu lassen. Ich sah es in ihren Augen, dass es ihnen sogar egal war, was die Presse über sie schreibt. Jene, die sich darüber im Dauerfeuer auslässt, dass sie „Rechte“ seien, Handlanger des Bösen, dass sie Grenzen überschreiten und sowieso nur ein kleiner Bestandteil der Gesellschaft sind. Ich für meinen Teil, fühlte mich wohl in ihrer Gegenwart, denn mir ist diese typische Vorgehensweise nicht unbekannt.

Herz und Wille

Es war eine wunderbare Atmosphäre und ein perfekt organisierter Tag. Sogar fürs Essen wurde gesorgt, dank „Olli´s Gulaschkanone“. Schick sahen sie aus. Energisch und voller Elan jubelten sie den Aussagen der Redner zu. Aus dem ganzen Umland waren sie gekommen. Ich kannte kaum einen von ihnen. Ich wusste nichts über ihre Lebensgeschichten, ihre Ängste, Bedürfnisse oder individuellen Schicksale und doch fühlte ich mich ihnen allen verbunden. Jeder Einzelne von ihnen trägt seine eigene Bürde – durchlebt sein eigenes Schicksal. Und doch freute ich mich aus einem unerfindlichen Grund, sie alle zu sehen.

Schiffbrüchige

Dann kam dieser einschneidende Moment, in dem ich in den sonnigen Himmel blickte. Ich nahm meine Mütze ab und blinzelte zaghaft nach oben. Schlagartig wurde mir bewusst, dass wir alle im selben Boot sitzen, ganz gleich welchen Berufsstand wir haben, welche Beziehungen wir pflegen oder welches Leid wir ertragen müssen. Es fühlte sich so an, als wären wir alle Schiffbrüchige. Es war, als würde ich einem Wildfremden einen Rettungsring zuwerfen, um ihn vor dem Ertrinken zu retten. Nicht, dass ich ihn retten könnte, aber ich warf ihn. Es war mehr ein instinktiver Akt. Genauso ging es mir bei der Wahl des Titels diesefür diesen Artikel. Es war eine spontane Entscheidung. Er passte besser als „Bauernaufstand“.

Hinzu kommt das Lied, welches ich permanent im Hintergrund gehört habe und das „zufällig“ den selben Titel trägt. Hört mal rein. Es lohnt sich: Link

Alles, was ich sagen möchte, ist, dass ich froh bin, heute dabei gewesen zu sein und dass ich durch diese Augenblicke fühle, etwas Sinnvolles getan zu haben. Was bleibt uns sonst?

Danke an alle Brüder und Schwestern im Geiste!

Steiners Zuckertüten

Es ist Mitte August. Einschulung, und ich mittendrin. Kinder habe ich nicht, soweit ich weiß, also wie konnte es dazu kommen? Estelle heißt der Grund. Die Tochter meiner guten Freundin Fahima und ihrem Mann Thomas. Vor einigen Jahren begleitete ich die junge Familie einen Tag lang und verfasste einen kleinen Artikel darüber. Der kleinen Estelle blieb der Tag so sehr in Erinnerung, dass sie mir eine Einladung schickte und mich zu ihrer Einschulung einlud. Welch Ehre. Na klar komme ich vorbei.

Ein neuer Lebensabschnitt

Eine Stunde Autofahrt musste ich einplanen. Die Kamera eingepackt, düste ich also los und traf gerade noch rechtzeitig ein. Die Freude war groß. Fahima, Thomas und das kleine Brüderchen von Estelle hielten mir einen Platz frei. Somit hatte ich eine perfekte Sicht auf die Zeremonie.

Inmitten der prallen Sonne, dieser Tag muss der heißeste des Sommers gewesen sein, wollte ich gerade meine Kamera herausholen und ein paar Aufnahmen machen, da hörte ich in der Eröffnungsrede, dass ein professioneller Fotograf engagiert wurde, um Blitzlichtgewitter zu vermeiden. Okay, dachte ich mir. Dann mache ich nur heimlich ein oder zwei Bilder, verschmitzt wie ich bin. Natürlich war die kleine Estelle aufgeregt. Doch nicht nur sie, auch alle anderen zwanzig Sprösslinge, umringt von ihren glückseligen Eltern, platzten vor Spannung und Vorfreude. Man merkte deutlich, wie viel Energie alle Beteiligten investierten, um diesen einzigartigen Tag zu etwas Besonderem zu machen. Es gab Reden, Gesangseinlagen und sogar ein Theaterstück. Vom gigantischen Buffet, welches viele Eltern organisierten, will ich gar nicht erst anfangen. Ulrike, die Klassenleiterin konnte alle Namen der kleinen ABC Schützen auswendig und bat jeden einzelnen von ihnen nach vorn, um ihn auf das Herzlichste zu begrüßen. Anschließend wurden sie in ihr Klassenzimmer geführt, um sich einander beschnuppern zu können und erste Eindrücke zu erhaschen. Die Angehörigen und Besucher machten sich währenddessen über das köstliche Bankett her. Leider hatte ich keinen großen Hunger, sodass es nur bei ein paar Gläsern Orangensaft blieb.

Nach etwa einer Stunde endete die ganze Veranstaltung. Die Schüler kamen aus Ihrer ersten Stunde und posierten zum Abschluss noch einmal für den Fotografen. Nachdem auch ich noch ein paar Aufnahmen im Kasten hatte, gingen wir zusammen mit einem befreundeten Elternpaar in den nahegelegenen Park, um endlich die heißersehnten Zuckertüten zu öffnen, worauf sich die Kleinen natürlich am allermeisten freuten. Ich lief noch ein wenig durch den Park und machte hier und da ein paar Bilder, bevor wir zum Mittagsmahl in ein nahegelegenes Restaurant fuhren. Dort trafen wir dann auch Fahimas Schwester und ihre Angehörigen. Ab diesem Zeitpunkt packte ich meine Kamera ein und genoss den restlichen Tag, der erst am späten Abend enden sollte.

Eine einzigartige Erfahrung

Warum berichte ich eigentlich über eine Einschulung? Was ist daran jetzt so spannend? Nun, abgesehen von diesem besonderen Ereignis, was ich hiermit für Fahima und ihre Familie fotografisch festhalten möchte, dachte ich mir, es ist vielleicht gar nicht so uninteressant, ein paar Worte darüber zu verlieren, um was für eine Schule es sich handelt, die Estelle nun die kommenden Jahre besuchen wird. Es ist nämlich eine Waldorfschule.

Die Schule wurde 2019 von vier engagierten Müttern gegründet, die dieses Mammutprojekt in den ersten drei Jahren aus eigener Kraft stemmten. Ich mag mir gar nicht vorstellen, durch welches bürokratische Minengebiet sie da laufen mussten. Aber ganz offensichtlich war die Überzeugung so groß, dass auch diese Hürden erfolgreich überwunden worden sind. Jetzt, da ihr Traum Realität ist, können Sie sich dem schrittweisen Ausbau ihres Projekts widmen und für dieses außergewöhnliche Konzept versuchen, neue Interessenten zu gewinnen.

Wie fast jeder andere Normalsterbliche besaß auch ich die typischen Vorurteile und dachte sofort an tanzende Namen. Ich realisierte jedoch sehr schnell im Laufe des Tages, dass sich eindeutig mehr dahinter verbirgt.

Der Schulalltag

Wie sieht denn jetzt so ein Alltag in einer Waldorfschule aus? Nun, ich habe nur Bruchteile dieses fremden Universums in Erfahrung bringen können, aber die, die ich habe, möchte ich gerne teilen.

Hier scheint es keine Hierarchien zu geben. Die Lehrer hier nennen sich Schulbegleiter und stehen den Schülern viele Jahre lang zur Seite. Doch sind sie nicht die Einzigen, die ihnen dabei helfen, das nötige Rüstzeug für ihr zukünftiges Leben zu erwerben. Neben Architekten und Landwirten, die ihr Wissen zur Verfügung stellen, gibt es auch Paten. Also Kinder einer höheren Jahrgangsstufe, die sich mit den Erstklässlern zusammentun und voneinander lernen.

Schier alles scheint sich von einer Regelschule zu unterscheiden. Angefangen bei der Einrichtung des Klassenraums, den „Lehrfächern“, bis hin zur Benotung. Es gibt sie nicht. Bis zur achten Klasse. Doch betrifft das nicht nur die Noten, es gibt auch keine Lehrbücher. Die Neuankömmlinge erhalten ein leeres Buch, was sie im Laufe der Jahre selbst ausfüllen. Jegliches erworbenes Wissen wird hier hineingeschrieben. Pauken ist ein Fremdwort. Hausaufgaben sind selten. Einen Stundenplan sucht man hier ebenfalls vergebens. Es gibt einen thematischen Überbau, den sogenannten „Epochenunterricht“, der sich über Monate hinweg ausdehnt. Beispiele wären das „Römische Reich“ oder der „Mittelalterliche Ackerbau“. Gelernt wird durch aktive Betätigung. Die Schüler graben den Garten um, bauen einen Ofen aus Ton, sammeln Kräuter oder backen ihren eigenen Kuchen. Alles erlernte soll auch erlebt werden.

Der Medienkonsum wird so weit wie möglich vermieden, gegendert wird nicht und Englisch gibt es von Klasse eins an. Auf künstlerisch-handwerkliche Fächer wird besonders großen Wert gelegt. Lernen ohne Druck, heißt die Devise. Die Priorität liegt in der Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und der Weiterentwicklung von Körper und Geist. Inwieweit sich das Ganze in der Praxis realisieren lässt, werde ich sicher bald erfahren.

Zurück zum Ursprung

Doch wo liegt der Ursprung dieses schulischen Sonderwegs? Wer begründete dieses durchaus spannende Konzept? Es ist niemand anderer, wie Rudolf Steiner. Der gebürtige Kroate war auf so vielen Gebieten ein Genie, dass einem fast schon unheimlich werden kann. Er war Philosoph, Pädagoge, Reformator, Schriftsteller, Künstler und Theosoph. Er begründete die Eurythmie, Anthroposophie und die soziale Dreigliederung. Für jeden Aspekt bedürfte es eigene Artikel, um sie angemessen beschreiben zu können. Heruntergebrochen ging es ihm darum, den Menschen in seiner Gänze zu verstehen, und zwar über die rein körperliche Existenz hinaus.

Einer seiner größten Fans war offensichtlich Emil Molt, der damalige Chef einer Zigarettenfabrik, mit der er 1919 die erste Waldorfschule gründete und die fortan unter dem Namen „Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik“ existierte. Es war eine Art Betriebsschule für die Kinder der Mitarbeiter des Unternehmens. Sie waren die ersten Waldorfschüler und somit „Ahnen“ der kleinen Estelle.

Rudolf Steiner war und ist immer noch umstritten, natürlich, aber er hat etwas gewagt und seine Visionen umgesetzt. Allein dafür muss man ihm Respekt zollen. Ohne ihn wäre Fahimas Tochter heute nicht in dieser Schule und meinen Artikel würde es niemals geben.

Nach dem bisschen, was ich seither über ihn gelesen habe, verstehe ich Rudolf Steiner als Brückenbauer zwischen den verschiedenen Welten. Der realen und der geistigen Welt. Denjenigen, die seine Ansichten teilen und denen, die es nicht tun. Und hier schließt sich der Kreis, denn ebenso wie er, verstehe auch ich mich als Brückenbauer zwischen den Welten, zwischen den Meinungen und Ansichten. Auch mir gelingt das nicht immer, aber ich versuche es. Vielleicht schaffe ich es hiermit, die Skepsis gegenüber Waldorfschulen etwas zu mildern. Mich hat der erste Eindruck jedenfalls neugierig gemacht.

Alles Gute für die Zukunft, Estelle!