AMERICAN STEEL

Amerikanische Klassiker, Herbstfarben und das Knattern alter Motoren. Ein spontaner Ausflug zum ersten US-Car-Treffen am Bergwitzsee – und für ein paar Stunden rückte eine Welt ganz nah, die mich schon seit vielen Jahren fasziniert.

Das erste US-Car-Treffen am Bergwitzsee – ein paar Stunden Amerika mitten in Sachsen-Anhalt.

Die Welt steht gerade Kopf. Kriege, Konflikte, schlechte Nachrichten. Täglich drängen sich neue Unaussprechlichkeiten in den Vordergrund. Umso wohltuender ist es, wenn all das für ein paar Stunden an Bedeutung verliert und man sich etwas widmen kann, bei dem nicht wieder das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel steht. Manchmal reicht dafür schon ein Flyer, über den man irgendwo im Netz stolpert.

Am Morgen des 3. Oktober entdeckte ich beim Stöbern im Netz einen Flyer. 1. US-Car-Treffen am Bergwitzsee, Beginn 11 Uhr. Noch heute also. Bergwitz liegt nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernt und der Tag der Deutschen Einheit hatte für mich ohnehin noch keine großen Pläne vorgesehen. Also ließ ich den Vormittag in Ruhe verstreichen, bevor ich schließlich meine beiden Kameras zusammensuchte und mich auf den Weg machte.

Ich hatte eine Ahnung, aber was genau ich dort vorfinden würde, wusste ich nicht. Ebenso wenig hatte ich bereits einen Artikel im Kopf oder irgendeine genaue Vorstellung davon, was am Ende auf meinen Speicherkarten landen sollte. Ich wollte einfach schauen, vielleicht ein paar Bilder machen und etwas filmen. Wie so oft bei meinen Ausflügen mit der Kamera entsteht der Rest ohnehin erst spontan.

Mit Autos kenne ich mich nur bedingt aus. Ich kann durchaus nachvollziehen, wie sehr man für solche Fahrzeuge brennen kann, auch wenn mir bei Baujahren, Motorisierungen oder technischen Besonderheiten schnell das Wissen ausgeht. Das muss mich aber auch nicht kümmern. Ich weiß, was mir gefällt, und ich weiß, wie ich etwas so in Szene setzen kann, dass am Ende ein Bild entsteht, das mir selbst etwas bedeutet. Genau darin liegt für mich ohnehin der Reiz.

Chevrolet Impala. Baujahr 60.
Ein Hauch vergangener Zeiten

Der Bergwitzsee ist hier in der Region kein Geheimtipp. Im Sommer zieht es zahlreiche Menschen aus der Umgebung zum Baden, Campen oder Beachvolleyball hierher. An diesem Samstag waren jedoch vor allem Autofans und die Besitzer jener besonderen Wagen unterwegs, die man im normalen Straßenverkehr nur noch selten zu Gesicht bekommt.

Der 3. Oktober zeigte sich noch einmal erstaunlich warm. Die Sonne blieb zwar fast den gesamten Nachmittag hinter den Wolken verborgen, doch für die Fotografenseele ist dieses weiche Licht ohne harte Schatten ideal. Die Bäume rund um den See hatten bereits begonnen, ihr Sommergrün gegen die Farben des Herbstes einzutauschen und mittendrin standen plötzlich Cadillacs, Pick-ups, Muscle Cars und zahlreiche andere amerikanische Fahrzeuge aus mehreren Jahrzehnten.

Schon immer besaß ich ein Faible für den amerikanischen Way of Life vergangener Zeiten. Kleine Städte mit ihren breiten Straßen, die typischen Häuser samt Vorgärten, alte Tankstellen, Diners und natürlich jene Autos, die damals selbstverständlich zum Straßenbild gehörten. Wenn ich solche Bilder sehe, bleibe ich meistens automatisch hängen. Für einen Moment scheint die Zeit ein wenig langsamer zu laufen, und ich frage mich, wie es wohl gewesen sein muss, in dieser Welt unterwegs zu sein. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Freiheit, Stil und einer gewissen Unbeschwertheit, die mich daran bis heute so fasziniert.

Bei alten amerikanischen Autos geht es mir genauso. Gerade die Modelle aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren besaßen einen Stil, den ich heute oft vermisse. Lange Motorhauben, viel Chrom, kräftige Farben und Formen, bei denen man sofort merkt, dass Gestaltung damals noch einen ganz anderen Stellenwert hatte. Viele dieser Fahrzeuge besitzen bis heute eine Eleganz und Eigenständigkeit, die modernen Autos schlicht fehlt.

Unter all diesen Klassikern gibt es allerdings einen, bei dem ich gar nicht lange überlegen müsste. Wenn ich mir einen amerikanischen Wagen aus dieser Zeit aussuchen dürfte, wäre es ein alter Ford Mustang. Das ist einfach mein Auto. Jedes Mal, wenn ich einen sehe, bleibt mein Blick daran hängen. Diese lange Front, das Heck, die ganze Erscheinung – genau diese Mischung aus Eleganz, Kraft und Charakter reizt mich extrem. An diesem Nachmittag standen solche Wagen nun nicht irgendwo auf einer Leinwand oder in einem alten Fotoalbum. Sie standen direkt vor meiner Kamera.

Ein paar Stunden Amerika am See

Zunächst widmete ich mich dem Film. Ich lief über das Gelände, suchte nach Perspektiven, nach vorbeifahrenden Wagen, nach Details und kleinen Szenen, von denen ich hoffte, dass sie später funktionieren würden. Die Autos kamen und gingen, zwischendurch wurde irgendwo ein Motor gestartet und immer wieder lag dieses tiefe Knattern in der Luft, das man schon hört, bevor man überhaupt sieht, was da gerade heranrollt. Später legte ich die Videokamera beiseite und begann zu fotografieren.

Nun konnte ich mir mehr Zeit nehmen. Ein paar Schritte nach links, wieder zurück, tiefer gehen, warten, bis niemand durchs Bild läuft. Manchmal genügte ein Detail. Eine Felge, eine Front, ein alter Innenraum oder das Licht, das sich in einem Lack spiegelte. Dann wieder wollte ich den ganzen Wagen und seine Umgebung im Bild haben.

Währenddessen füllte sich das Gelände weiter mit Besuchern. Motorhauben standen offen, überall wurde geschaut, erzählt und natürlich auch gefachsimpelt. Viel davon bekam ich nur am Rande mit, weil meine Aufmerksamkeit meist schon beim nächsten Motiv war. Doch eines musste man nicht lange beobachten: Diese Autos bedeuten ihren Besitzern etwas. Wer ein solches Fahrzeug über Jahrzehnte erhält, restauriert, pflegt und immer wieder auf die Straße bringt, tut das nicht nebenbei. Darin stecken Zeit, Arbeit, vermutlich reichlich Geld und vor allem Leidenschaft. Und auch wenn meine eigene nicht unter einer Motorhaube zu finden ist, kann ich so etwas sehr gut verstehen.

Jeder Mensch hat wohl Dinge, bei denen andere den Kopf schütteln und sich fragen, weshalb man dafür so viel Zeit investiert. Bei mir sind es vielleicht Kameras, Bilder oder Projekte, an denen ich viel länger sitze, als irgendein vernünftiger Mensch es tun würde. Bei anderen steht eben ein amerikanischer Klassiker in der Garage. Und wenn man sieht, mit welcher Hingabe diese Wagen präsentiert werden, braucht es darüber eigentlich keine weiteren Erklärungen.

Auch abseits der Fahrzeuge schien die Premiere gut besucht zu sein. Bei Fritten Franky zog sich zeitweise eine ordentliche Schlange entlang und zumindest mir kam es so vor, als wäre der Hunger der Besucher ein wenig größer ausgefallen als erwartet. Ich gehe allerdings davon aus, dass man bei einem ersten Treffen mit schlimmeren Überraschungen leben könnte.

Die Stunden vergingen. Meine Speicherkarten füllten sich und dennoch fand sich immer noch irgendetwas, das ich noch nicht aufgenommen hatte. Ein anderer Wagen, ein anderes Detail, eine bessere Perspektive. Gerade beim Fotografieren fällt es mir ohnehin schwer, irgendwann zu sagen: Jetzt reicht es. Aber nach ungefähr drei Stunden tat es das tatsächlich. Ich packte meine Kameras wieder ein und machte mich auf den Heimweg.

Chevrolet Nova
Was vom Tage übrig blieb

Diese Gewissheit kommt meistens erst zu Hause. Auf dem Kameradisplay sieht vieles hervorragend aus. Am großen Monitor beginnt dann die Wahrheit. Schärfe, Bildaufbau, störende Dinge im Hintergrund – plötzlich entdeckt man Sachen, die einem vor Ort überhaupt nicht aufgefallen sind. Mehr als hundert Fotografien waren entstanden. Einige verschwanden ziemlich schnell wieder, andere hielt ich zunächst für stärker, als sie beim zweiten oder dritten Blick tatsächlich waren. Am Ende blieben etwas über vierzig Bilder übrig, die ich für gut befand. Damit konnte ich leben und mit diesem Artikel starten.

Auch beim Videomaterial zeigte sich, dass genügend zusammengekommen war, um aus den einzelnen Sequenzen tatsächlich einen kleinen Film entstehen zu lassen. Und spätestens während des Schnitts bekam dieser Nachmittag noch einmal eine völlig andere Wirkung. Bilder, Geräusche und Musik verbanden sich und plötzlich entstand aus all den einzelnen Aufnahmen eine Erinnerung, die sich anders anfühlte als der Tag selbst.

American Steel.

Der Name kam irgendwann und blieb.

Vielleicht, weil er genau das ausdrückt, was ich dort gesehen hatte. Keine nüchterne Ansammlung alter Fahrzeuge, sondern Maschinen aus einer anderen Zeit, die bis heute Menschen begeistern. Manche elegant, manche mächtig, manche laut und auffällig. Aber kaum eines vollkommen beliebig.

Ich bin an diesem Morgen wegen eines Flyers nach Bergwitz gefahren. Mehr war es eigentlich nicht. Drei Stunden später lagen die Speicherkarten voller Bilder und Videos und einige Tage danach entstand daraus schließlich dieser Artikel. Es sind genau solche ungeplanten Ausflüge, die mir am Ende am liebsten sind. Man fährt irgendwohin, ohne zu wissen, was einen erwartet. Man lässt sich treiben, hält fest, was einem begegnet und merkt erst hinterher, dass aus einem ganz gewöhnlichen Nachmittag etwas geworden ist, an das man sich gern erinnert.

Das erste US-Car-Treffen am Bergwitzsee war dafür ein ziemlich guter Anlass. Ich hoffe, dass es nicht bei diesem einen bleiben wird. Für ein paar Stunden war an diesem 3. Oktober jedenfalls etwas von jener amerikanischen Welt zu Gast, die mich schon seit vielen Jahren fasziniert. Nicht irgendwo auf einer Leinwand. Sondern direkt vor meiner Kamera.

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