Der erste Stein

Frieden. Ein Wort, das jeder kennt, doch um das es seltsam still geworden ist. Für einen Moment bekam es wieder eine leise Stimme. Geblieben ist ein Film.

Als alles längst gesagt war

Eine Demonstration in Wittenberg, eine Demonstration für den Frieden. Eigentlich wollte ich nicht kommen. Nicht weil mir der Frieden gleichgültig geworden wäre, sondern weil all die Gleichgültigkeit um mich herum irgendwann auch an meiner Hoffnung zehrt. Wie oft hatten wir es bereits versucht? Wie viele Schilder wurden getragen, wie viele Reden gehalten, wie viele Artikel geschrieben? Alles ist gesagt, alles ist bekannt, alles liegt offen vor uns. Und trotzdem wiederholt sich die Geschichte. Nicht irgendwann, nicht irgendwo, sondern vor unseren Augen. Immer und immer und immer wieder.

Was sollte eine weitere Menschenkette daran ändern? Ein paar Leute an einer viel befahrenen Straße in Wittenberg. Danach verschwinden Fahne und Schild im Kofferraum und alle fahren wieder nach Hause. Vielleicht war das der eigentliche Grund, weshalb ich zunächst nicht hinwollte: Ich wusste bereits, wie es werden würde.

Ein heller Morgen

Als ich an diesem Morgen erwachte, fiel die Sonne durch mein Fenster. Ich hatte gut geschlafen, blickte hinaus und spürte eine Leichtigkeit, die so gar nicht zu meinen Gedanken passen wollte. Der Himmel war klar, das Licht freundlich und für einen Augenblick erschien mir die Welt weniger verloren als am Abend zuvor. Warum also nicht?

Ich rief Maik an, den Initiator des Ganzen. Er sollte mich gegen elf Uhr abholen. Vor der eigentlichen Aktion wollten wir in den Park fahren und ein paar Einstellungen meiner Kamera ausprobieren. Diesmal wollte ich mich auch an den Ton wagen, einige Stimmen festhalten und schauen, ob aus all dem vielleicht ein halbwegs ansehnlicher Film entstehen könnte.

„Nagel mich nicht fest“, sagte ich zu ihm. Ich wusste nicht, ob am Ende irgendetwas Brauchbares dabei herauskommen würde. Maik ließ mir freie Hand. Er stellte keine Bedingungen, gab mir keine Bilder vor und versuchte auch nicht, sich selbst in Szene zu setzen. Er ging einfach los und vertraute meinem Blick.

Wo ist der Frieden geblieben?

Diese Frage beschäftigt mich. Wann haben wir aufgehört, Frieden als höchstes Ziel zu betrachten? Wann wurde Diplomatie zu einem Ausdruck von Schwäche und die Forderung nach Verhandlungen zu etwas, wofür man sich rechtfertigen muss?

Über Krieg wird inzwischen mit einer Selbstverständlichkeit gesprochen, die mich erschreckt. Fast täglich wird erklärt, weshalb noch mehr Waffen, größere Reichweiten und der nächste Schritt der Eskalation notwendig sein sollen. Für Zweifel oder alternative Sichtweisen bleibt kaum Raum.

Der Frieden besitzt diese Sprache nicht. Er kann keine Stärke vorführen, keine Explosionen zeigen und keinen schnellen Sieg versprechen. Er verlangt Geduld und die Bereitschaft, selbst mit denen zu sprechen, denen man nicht mehr zuhören möchte. Krieg teilt die Welt in Gut und Böse. Frieden zwingt uns dazu, ihre Widersprüche auszuhalten. Vielleicht ist er gerade deshalb so unattraktiv geworden.

Selbst in den Kindernachrichten werden, unter dem Deckmantel der Satire, Kampfflugzeuge inzwischen erklärt und mit einer Bildsprache präsentiert, die mich fassungslos zurücklässt. Was als kindgerechte Information oder Aufklärung gedacht sein mag, fühlt sich für mich längst wie Gewöhnung an. Als müssten bereits Kinder lernen, welche Maschinen welche Ziele erreichen können und weshalb immer neue Waffen notwendig sind. Der Krieg wird erklärt, bis er vertraut erscheint. Nur der Frieden bleibt seltsam undeutlich.

Wo sind die Beiträge über Diplomatie? Wo sind die Bilder der Menschen, die miteinander sprechen, obwohl sie einander hassen? Wo wird Kindern erklärt, dass Stärke auch darin liegen kann, eine Eskalation zu beenden? Wir reden von Kriegstüchtigkeit, als wäre Krieg ein Beruf, auf den sich eine ganze Gesellschaft vorbereiten müsse. Vielleicht sollten wir endlich wieder lernen, friedenstüchtig zu werden.

Die fehlenden Gesichter

Am Nachmittag kamen ungefähr fünfzig Menschen. Fast alle waren über vierzig, viele deutlich älter. Keine Schüler, die ihre Zukunft einforderten. Keine junge Bewegung, die durch soziale Netzwerke ging und Tausende mobilisierte. Keine Generation, die später einmal am längsten mit den Folgen heutiger Entscheidungen leben muss. Ihre Abwesenheit war beinahe deutlicher zu sehen als die Menschen, die gekommen waren.

Fünfzig Menschen. Was soll daraus werden? Welche Regierung wird deshalb ihre Politik ändern? Welche Redaktion wird darüber berichten? Welcher Krieg wird enden, weil in Wittenberg einige blaue Fahnen im Wind wehen? Keiner. Das wissen auch die Menschen auf der Straße. Und trotzdem stehen sie hier.

Sie haben ihre Einkäufe, ihre Gärten, ihre Familien und ihren gewöhnlichen Samstag für eine Stunde zurückgelassen. Nicht weil sie sich einbilden, allein die Welt retten zu können. Sie stehen dort, weil sie nicht vollständig schweigen wollen. Weil zwischen all den großen Worten, Strategien und geopolitischen Interessen noch etwas in ihnen lebt, das sich gegen die Gewöhnung wehrt. Vielleicht ist es Hoffnung. Vielleicht nur Trotz. Vielleicht die Angst um Kinder und Enkel oder die Erinnerung daran, wohin es führen kann, wenn eine Gesellschaft den Krieg wieder für beherrschbar hält.

Es spielt keine Rolle, ob jemand von links, von rechts oder aus irgendeiner politischen Mitte kommt. Der Frieden trägt kein Parteibuch. Er fragt nicht, welches Kreuz wir auf einem Wahlzettel machen. Er beginnt dort, wo wir im Menschen auf der anderen Seite mehr sehen als einen Gegner, den es zu besiegen gilt.

Eine Begegnung, die blieb

Schon im Februar 2023 hatte ich an nahezu derselben Stelle eine Menschenkette fotografisch begleitet. In meinem damaligen Beitrag „Friedenstaube“ schrieb ich über den Nachmittag und über eine Begegnung, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist.

Auf der anderen Straßenseite sprach mich eine ältere Frau auf Russisch an. Sie und ihr Begleiter stammten aus Cherson. Ihr Haus war unter Beschuss geraten, vieles hatten sie verloren. Natürlich betrachteten sie den Krieg mit anderen Augen als einige der Menschen, die damals an der Straße standen. Wir reichten ein Handy hin und her und verständigten uns dank Google. In wenigen Minuten konnten wir weder die Geschichte erklären noch unsere unterschiedlichen Auffassungen miteinander versöhnen. Aber wir hörten uns zu. Am Ende umarmten wir uns. Niemand hatte gewonnen. Niemand musste verlieren. Für einen kurzen Moment waren wir keine politischen Lager, keine Nationalitäten und keine gegnerischen Erzählungen. Wir waren Menschen, die wussten, dass Krieg Leid bedeutet, auch wenn wir nicht in allen Fragen dieselbe Antwort fanden.

Vielleicht war in dieser Umarmung mehr Frieden enthalten als in all den großen Reden, die seitdem gehalten wurden.

Eine Stunde

Nun stand ich drei Jahre später wieder an dieser Straße. Die Welt ist in der Zwischenzeit nicht friedlicher geworden. Die Worte sind schärfer, die Grenzen zwischen den Lagern härter und das Undenkbare ist ein Stück näher an unseren Alltag gerückt. Gleichzeitig scheint die Friedensbewegung beinahe verschwunden zu sein.

Vielleicht haben die Menschen resigniert. Vielleicht fürchten sie, in eine politische Ecke gestellt zu werden. Vielleicht glauben sie, dass ohnehin alles entschieden ist. Oder der Krieg bleibt für sie eine Nachricht aus der Ferne, solange vor dem eigenen Fenster noch die Sonne scheint und im Supermarkt alles in den Regalen steht.

Doch jeder Krieg war einmal weit entfernt – bis er es nicht mehr war.

Ich nahm auf, was mir begegnete. Eine Friedenstaube vor dem blauen Himmel. Hände an Schildern, Begrüßungen, Umarmungen und Gesichter, in denen sich mehr erzählen ließ als auf manchem Transparent. Ich versuchte nicht, aus den Anwesenden eine große Masse zu machen. Es waren keine Tausend. Es waren fünfzig. Aber sie waren da.

Zum ersten Mal nahm ich bei einer solchen Begleitung auch Stimmen auf. Nicht alles ist technisch vollkommen geworden. Manche Aufnahme könnte klarer, mancher Ton sauberer sein. Doch Perfektion ist bedeutungslos, wenn sie nichts fühlen lässt. Ich wollte keine Hochglanzproduktion erschaffen. Ich wollte die Melancholie dieses Tages bewahren und zugleich die leise Hoffnung, die in ihm lag.

Die Melancholie eines Kämpfers

Am Ende war tatsächlich ein Film entstanden. Kein Bericht, der diesen Tag erklärt, und keine Dokumentation, die vorgibt, alle Antworten zu kennen. Eher eine Erinnerung an eine Stunde, die sonst einfach vergangen wäre. Erst später, als ich die Aufnahmen sichtete, begriff ich, dass Maik für mich längst zum Sinnbild dieses Tages geworden war.

Mein Film beginnt mit ihm. Ein heller Sommertag liegt über den Wegen des Parks, die Bäume stehen satt im Grün und auf seinem hellblauen Shirt ist zu lesen, wofür er wenige Stunden später an der Straße stehen wird. Zunächst sehen wir nur seinen Rücken. Einen Mann mit hellem Hut, der allein vor meiner Kamera hergeht. Es ist nicht Müdigkeit, die ihn umgibt. Es ist Melancholie. Vielleicht die Melancholie eines Menschen, der schon lange für etwas kämpft, das für die meisten anderen kaum noch eine Bedeutung besitzt. Maik läuft nicht wie jemand, der aufgegeben hat. Er läuft wie jemand, der gelernt hat, keinen Beifall mehr zu erwarten.

Auf mich wirkt er oft traurig. Nicht gebrochen und nicht hoffnungslos, aber als trüge er das Wissen mit sich, dass eine bessere Welt allein durch den Wunsch nach ihr noch lange nicht entsteht. Vielleicht ist es auch einfach seine Natur. Doch in meinen Aufnahmen wurde er zum Bild dieses Nachmittags: ein Mensch, umgeben von viel leerem Raum, der trotzdem weitergeht.

Es liegt etwas ungeheuer Einsames darin, für den Frieden einzutreten, wenn sich kaum noch jemand dafür interessiert. Und trotzdem liegt genau darin Hoffnung.

Deshalb gibt es diesmal kaum Fotografien. Geblieben ist dieser Film: die Erinnerung an einen einzigartigen Tag und an eine Friedensbewegung, die so klein geworden ist, dass man sie beinahe übersehen könnte.

Der erste Stein

Wir werden mit dieser Menschenkette keinen Krieg verhindern. Wahrscheinlich werden wir überhaupt nichts verändern. Später verschwanden die Fahnen aus dem Straßenbild. Am Abend erinnerte nichts mehr daran, dass hier Menschen für den Frieden gestanden hatten. Aber ich bin froh, gekommen zu sein. Ich bin froh, Maik angerufen zu haben. Froh, diesen Tag nicht einfach verstreichen gelassen und diesen kleinen Moment festgehalten zu haben. Vielleicht werden Menschen irgendwann auf unsere Zeit zurückblicken und sich fragen, ob wirklich niemand gesehen hat, was geschah. Ob alle geschwiegen haben. Ob niemand mehr daran glaubte, dass Diplomatie stärker sein könnte als die nächste Waffe.

Dann soll diese Erinnerung eine Antwort sein. Doch. Es gab sie.

Es waren keine Massen. Es waren fünfzig Menschen, fast alle jenseits der vierzig. Menschen, die vermutlich selbst wussten, wie klein und vergeblich ihr Zeichen erscheinen musste. Und dennoch stellten sie sich an diese Straße.

Kein Haus beginnt mit einer fertigen Mauer. Es beginnt mit einem ersten Stein. Er trägt noch kein Dach, schützt niemanden vor einem Sturm und bietet keinem Menschen ein Zuhause. Für sich allein ist er beinahe nichts. Aber ohne ihn kann niemals etwas entstehen. Diese fünfzig Menschen sind keine Mauer und noch lange kein Haus. Doch jeder von ihnen trägt etwas, worauf eine friedlichere Welt gebaut werden könnte: den Willen, nicht zu verstummen.

Sie alle sind der erste Stein.

Wir sind der erste Stein.

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