Für Jan

Ein grauer Tag mit leisen Versprechen

Es ist ein milder Frühlingstag. Der Himmel hängt tief, als hätte er sich eine Decke übergezogen. Ein feiner Regen fällt gleichmäßig vom Himmel, unaufgeregt, aber beständig. Nichts Spektakuläres, kein Donner, kein Blitz – einfach ein stiller, grauer Tag, der fast zu gut passt für meine Begriffe.

Es ist 15 Uhr. In einer Stunde beginnt eine Jugendweihe. Nicht irgendeine – sondern die eines Jungen, den ich bis zu diesem Moment nicht kannte: Jan.

Er ist der Sohn von Sindy, der Lebensgefährtin meines Volleyballkumpels Carsten. Irgendwann – es war wohl rund um das Volleyballturnier im letzten Jahr – sprach mich Carsten auf das Fest an. Oder besser gesagt: Er sprach nicht darüber, ob ich fotografieren möchte – vielmehr klang es wie eine Selbstverständlichkeit, dass ich es tun würde. Und er hatte recht. Ich sagte ohne Zögern zu.

Ein Ort, an dem mehr passiert, als man sieht

Der Veranstaltungsort ist das „ResoWitt“ – eine Einrichtung, an der ich in den letzten Jahren des Öfteren vorbeigefahren bin, ohne je zu wissen, was dort eigentlich passiert. Von außen wirkte es eher unscheinbar, fast anonym. Doch dieser Eindruck sollte sich heute vollständig wandeln.

Als ich ankomme, werde ich bereits erwartet. Carsten begrüßt mich freudestrahlend, auch Sindy heißt mich herzlich willkommen. Ihre kleine Tochter ist ebenfalls schon da – quirlig, offen, lebensfroh. Sie hatte bereits damals beim Volleyballturnier alle Blicke auf sich gezogen.

Die drei strahlen mir eine Wärme entgegen, die nicht aufgesetzt wirkt. Für sie scheint es nicht selbstverständlich zu sein, dass ich gekommen bin. Vielleicht, weil sie es nicht gewohnt sind, dass Versprechen eingelöst werden. Vielleicht auch, weil echte Verbindlichkeit heute selten geworden ist.

Die Räumlichkeiten sind geschmackvoll und liebevoll vorbereitet. Das Motto des Tages lautet Schwarz-Rot – eine ungewöhnliche, aber starke Farbkombination. Gäste und Dekoration greifen das Thema auf – ein durchdachtes Detail, das dem Ganzen Struktur und Stil verleiht.

Jan

Dann wird mir Jan vorgestellt. Er ist der Mittelpunkt des Tages – und wirkt doch alles andere als inszeniert. Er ist höflich, ruhig, zugewandt. Kein Angeber, kein Lautsprecher. Einer, der genau beobachtet und erst dann spricht. Ich mag das.

Jan mit seinem Vater

Es dauert nicht lange, bis sich der Raum füllt. Eine große Familie kommt zusammen – bunt, laut, herzlich. Namen fliegen herum, Geschichten werden erzählt, Umarmungen verteilt. Carsten und Jan stellen mich allen vor. Ich beginne zu fotografieren – zunächst dezent, zurückhaltend. Mein Ziel ist es nie, zu stören – ich will miterleben, nicht unterbrechen.

Kaffee und Kuchen stehen bereit. Der Regen lässt langsam nach. Die Gespräche klingen heller, leichter. Die Kinder zieht es nach draußen – Ostereiersuche steht auf dem Programm. Auch ich folge ihnen mit der Kamera in der Hand und fange ein, was sich zeigt: leuchtende Augen, kleine Erfolge, große Freude.

Erinnerungen in Schwarz-Rot

Ich schlage vor, Porträtfotos zu machen. Wer möchte, darf. Und fast alle möchten.

Mal allein, mal als Paar, mal als Gruppe. Jeder bringt etwas Eigenes mit: eine Haltung, ein Lächeln, eine Geschichte. Und ich versuche, das festzuhalten, was sich nicht sagen lässt.

Als ich später die Bilder sichte, zähle ich über 1.200 Aufnahmen. Natürlich bleiben am Ende nur wenige übrig – aber es geht nie um Masse. Es geht um das eine Bild, in dem ein Moment eingefroren ist. Das eine Foto, das nach Jahrzehnten noch spricht.

Mein Teamkamerad Berti mit seinen geliebten Eltern
Der Duft von Grillgut und der Klang von Dankbarkeit

Als der Abend sich nähert, übernimmt Max den Grill. Ein Mann mit Rhythmusgefühl und Humor. Steaks, Würstchen, marinierte Überraschungen – was da auf den Rost kommt, lässt wenig Wünsche offen.

Dazu gibt es eine Vielzahl selbstgemachter Salate. Hier haben sich Sindy und Carsten wirklich ganz besondere Mühe gegeben. An alles wurde gedacht. Es ist ein Essen, das nicht nur satt macht, sondern verbindet.

Die Gespräche wandeln sich, werden ruhiger, persönlicher. Die Sonne bricht durch die Wolken. Sie kommt nicht oft an diesem Tag, aber wenn, dann richtig.

Jochen – der Mann hinter dem Gelände

Erst am späteren Abend lerne ich Jochen kennen. Ein Mann, der sich Zeit nimmt, wenn er sie hat – und sonst lieber mit den Händen arbeitet.

Seit über zwanzig Jahren ist er der Hausmeister des ResoWitt. Doch Hausmeister ist nur ein Wort – in Wahrheit ist er der Möglichmacher.

Jochen ist gelernter Garten- und Landschaftsbauer. Seine eigene Kindheit war schwierig. Mit sechzehn kam er in ein Heim – das Jugendamt griff ein. Der Vater früh verstorben, die Mutter? Irgendwo, vielleicht.

Heute ist Jochen 65. Und obwohl er längst im Ruhestand sein könnte, arbeitet er weiter – aus Überzeugung. Er organisiert Veranstaltungen, repariert und pflegt das Gelände mit Hingabe. Hier gibt es alles, was Kinder brauchen: Schaukeln, Rutschen, Kicker, Tischtennis – und ein echtes Beachvolleyballfeld.

Jochen, ein Mann mit echtem Herz

Auch Carsten nutzt es regelmäßig. Neben unserem gemeinsamen Verein hat er sich hier ebenfalls ein sportliches Zuhause geschaffen.

Das ResoWitt betreut derzeit etwa 150 Familien – Tendenz steigend. Jochen erklärt mir den Namen: „Resozialisierung Wittenberg“. Plötzlich ergibt alles Sinn.

Der Ort lebt – nicht nur durch Gebäude, sondern durch Menschen wie ihn.

Der Abschied und das, was bleibt

Es ist fast 22 Uhr, als ich mich auf den Heimweg machen möchte. Doch bevor ich gehe, stehen Carsten, Sindy und Jan vor mir. Sie überreichen mir einen liebevoll gepackten Präsentkorb.

Keine große Rede, keine pathetischen Worte – nur ehrliche Dankbarkeit.

Ich bin gerührt. Und gleichzeitig fast ein wenig verlegen. Denn ich habe ja noch gar nichts „abgeliefert“. Noch keine Bilder, kein Bericht. Nur Präsenz. Doch vielleicht war genau die das Wichtigste.

Jetzt, da ich die Fotos sichten und sortieren darf, weiß ich: Ich habe diesen Tag nicht einfach nur begleitet – ich durfte Teil davon sein.

Für Jan

Ich hoffe, dass meine Bilder eines Tages etwas erzählen können. Nicht nur von einem Fest – sondern von einem jungen Menschen, der auf leisen Sohlen erwachsen wurde.

Von einer Familie, die ihn trägt.

Von einem Ort, der mehr gibt, als man sieht.

Und von einem Frühlingstag, an dem es regnete, aber keiner klagte.

Für Jan.
Für die Erinnerung.
Für später.


Marsch des Friedens

In Berlin versammelten sich viele Menschen aus ganz Deutschland um ein eindeutiges Zeichen für Dialog und Frieden zu setzen.

Entscheidung

Es ist Samstag, der 3.8.2024. Der Begründer der Querdenkenbewegung, Michael Ballweg, initiierte erneut eine Großdemonstration in Berlin, um damit ein Zeichen für Frieden zu setzen und der unsäglichen Kriegsrhetorik zu widersprechen. Noch am Abend zuvor war ich unentschlossen. Sollte ich wirklich in die Hauptstadt reisen und mir eine weitere Demonstration antun, von der ich doch insgeheim eh denke, dass sie nichts bewirken wird? Die Politik, so scheint es, ist unerschütterlich in ihren Bahnen gefangen und geht sie auch unbeirrt weiter, unbeeinflusst von den Stimmen der Straße. Ich habe schon lange die Hoffnung aufgegeben, dass Ereignisse wie diese, in diesem großen Spiel Gehör finden könnten. Uns allen ist bewusst, was los ist, doch viele wollen nicht aufgeben, was ich gut verstehen kann. Nun denn, trotzdem meine Teilnahme nicht von Optimismus geprägt war, entschied ich mich spontan für einen Besuch.
Der Umzug zur Siegessäule sollte um 12 Uhr vom Ernst-Reuter-Platz starten, also machte ich mich zwei Stunden vorher auf den Weg.

Der Weg in die Hauptstadt

Die Fahrt nach Berlin verlief überraschend reibungslos. Der Verkehr war moderat, und mein Auto glitt fast mühelos über die Autobahn. Je näher ich kam, desto mehr wuchs die Spannung in mir. Währenddessen schweiften meine Gedanken zurück zur ersten großen Demonstration, über die ich vor vier Jahren berichtete. Damals hatte ich das erste Mal den Entschluss gefasst, meine Kamera mitzunehmen und das Geschehen festzuhalten. Es war der Beginn meiner Reise als Beobachter gesellschaftlicher Bewegungen. Die Erinnerungen an diesen Tag sind noch lebendig, ein Mosaik aus Stimmen, Gesichtern und unvergesslichen Momenten. Heute fühlte es sich an, als ob ich an diesen Ursprungspunkt zurückkehren würde, allerdings weniger hoffnungsvoll. (Link zum Artikel)

Erste Eindrücke

Als ich ankam, überkam mich leichte Ernüchterung. Es waren kaum Leute zu sehen. Ich begann, an der Größe und Bedeutung der Veranstaltung zu zweifeln. Wie sich später herausstellen sollte, täuschte ich mich. Mit genügend Getränken im Rucksack und meiner Kamera bewaffnet, führte mich mein Weg zum Treffpunkt. Inzwischen strömten immer mehr Menschen zum Sammelpunkt. Sie kamen aus allen Straßen und Gassen.
Die Sonne brannte sich schon jetzt in meine Haut. Die Luft war erfüllt von Vorfreude und Spannung. Es war, als ob die Stadt selbst den Atem anhielt und auf das wartete, was kommen würde. Die Trommler heizten die Stimmung an. Dann ging es los. Die Masse setzte sich in Bewegung.

Ich lief von links nach rechts, von vorne, nach hinten und drückte permanent den Auslöser. Die Stimmung war gigantisch. Sie war ansteckend und die Botschaften eindeutig.

Während ich durch die Menge ging, fiel mir auf, dass die Teilnehmer überwiegend älter waren. Die Jugend fehlte, ebenso wie Menschen mit Migrationshintergrund – ein bedauerliches Bild in Anbetracht der Themen, die uns alle betreffen. Dennoch waren Präsenz und Entschlossenheit der Anwesenden überwältigend. Die Demonstration war nicht nur ein Marsch, sondern eine eindrucksvolle Marketingkampagne für Frieden und Freiheit. Die lauten Trommelschläge und eindrucksvollen Transparente zogen die Blicke der Passanten auf sich, die am Straßenrand stehen blieben und das Ereignis mit Neugier verfolgten.

Ein Klima der Einschränkung

Die Veranstaltung war nicht frei von staatlichen Einschränkungen. An diesem heißen Tag war es den Teilnehmern untersagt, kostenlos Wasser zu erhalten – ein Zeichen der subtilen Barrieren, die überwunden werden mussten. Auch das Verbot, Symbole des undemokratisch untersagten Magazins Compact zu zeigen, war eine ständige Erinnerung an die Bedrohung der Meinungsfreiheit.

Treffpunkt Siegessäule

Der Marsch ging wirklich lang. Ich dachte an mein Parkticket, welches ich unbedingt erneuern musste. Bei den Preisen und der Möglichkeit, abgeschleppt zu werden, eine durchaus reale Gefahr. Also lief ich den Weg zurück, währenddessen die Demonstranten weiter durch die Stadt zogen, um gegen halb vier an der Siegessäule zu sein. Hier erschloss sich mir das erste Mal das ganze Ausmaß der Demo. Mein Rückweg dauerte etwa eine halbe Stunde und permanent strömten mir die Massen entgegen. Es war unglaublich.

Schließlich erreichte ich meinen Wagen und fuhr an die Siegessäule. Ich hatte Glück und fand unmittelbar einen Parkplatz.

Kundgebung an der Siegessäule

Die Masse an Menschen dort haute mich um. Ich kann nicht einschätzen, wie viele es waren, aber sicher nicht nur um die 9.000, wie es die Medien kolportieren.

Es waren viele Redner zugegen, die auf die Dringlichkeiten unserer Zeit hinwiesen. Dr. Schubert beispielsweise, sprach mit eindringlicher Klarheit über die Gefahren des Materialismus, der unsere Gesellschaft durchdringt. „Es ist eine Scheinrealität“, erklärte er, „die keinen Platz für Moral lässt.“ Seine Vision eines neuen Menschenbildes – das Seele, Geist, Kultur und Religion in den Mittelpunkt stellt – war eine Aufforderung zum Umdenken. „Frieden beginnt im Inneren“, betonte er, während die Menge aufmerksam lauschte.

Gabrielle Gysi erinnerte mit Kraft an die Schrecken des Krieges. Sie sprach von den vielen Menschen, die im Treptower Park ihr Leben während des Zweiten Weltkrieges verloren hatten, und stellte die Machtstrukturen infrage, die immer neue Feinde schaffen, um ihren eigenen Machterhalt zu sichern. Ihre Worte hallten in der Menge wider, als sie forderte: „Die Waffen nieder, überall!“ Ein Applaus brach los, der die Straßen Berlins erzittern ließ.

Michael Ballweg stellte die Bedeutung der digitalen Freiheit in den Fokus. Er sprach über die Notwendigkeit, unabhängige Strukturen zu schaffen und sich von den Fesseln der digitalen Überwachung zu befreien. „Echter Wandel“, sagte er, „kann nur durch gewaltfreies Handeln erreicht werden.“ Seine Worte waren ein Weckruf an alle, die bereit sind, den Status quo herauszufordern.

Mir persönlich gefiel die Rede von Robert Stein am besten, der ich leider nicht mehr persönlich beiwohnte, aber gerne hier verlinke: (Rede)

Die musikalischen Beiträge von Morgaine und Äon boten eine emotionale Flucht aus der Realität. Morgaine, mit einer Stimme, die Gänsehaut verursachte, sprach sich gegen die Parteienlandschaft aus. „Wir brauchen sie nicht“, rief sie. „Wir sind in der Lage, selbst Veränderungen zu schaffen.“ Die Zuschauer waren bewegt von der Authentizität und der Überzeugung, die in jedem ihrer Lieder lagen.

Die Macht der Bewegung

Diese Demonstration war wie eine eindrucksvolle Werbekampagne für den Frieden – laut, unübersehbar und unvergesslich. Man kann niemanden zu etwas überreden, aber man kann eine Idee präsentieren und hoffen, dass sie auf fruchtbaren Boden fällt. Sicher wird dieser Tag keinen unmittelbaren politischen Wandel bewirken, aber er hatte die Macht, einen einzelnen Menschen zu berühren und einen Keim des Nachdenkens zu säen, der später in seinem eigenen Umfeld gedeihen könnte.

Am Ende des Tages, nach acht intensiven Stunden, fühlte ich mich verändert. Ich hatte Momente eingefangen, die ich nie vergessen werde. Diese Demonstration war eine eindringliche Erinnerung daran, dass der Kampf für Frieden und Freiheit kein Ende kennt. Es liegt in unserer Verantwortung, die Flamme des Widerstands am Brennen zu halten und weiterhin für eine gerechtere Zukunft für alle zu kämpfen. Möge der Geist dieses Tages uns anspornen, unermüdlich für das einzutreten, woran wir glauben.

Von der Armut

Zwischen Wohlstand und Leere: Das stille Leiden der Unsichtbaren in Deutschland

Ein Vorhaben in die Tat umsetzen

Meinen Arbeitsplatz gibt es nicht mehr. Die Firma, in der ich siebzehn Jahre arbeitete, stellt den Betrieb ein. Es waren keine wirtschaftlichen Gründe, es fand sich nur kein Nachfolger. Deswegen habe ich Zeit. Zeit zum Nachdenken und zum Schaffen. Schon lange wollte ich mich einem Thema widmen, der Armut in Deutschland. Ich wollte die Menschen hinter den Statistiken kennenlernen, ihre Geschichten hören und ihre Realität erfahren. Wo könnte ich das besser als direkt an der Quelle?

Berlin Pankow. Einer der grünsten Bezirke unserer Hauptstadt, der auch Schauplatz einiger bekannter Filme war, beispielsweise „Lola rennt“ oder „Sonnenallee“. Den Prenzlauer Berg hat sicher jeder schon einmal gehört. Hier befindet sich die Suppenküche des Ordens der Franziskaner. Vor einigen Tagen schrieb ich ihnen eine Mail und fragte, ob ich vorbeikommen könne. Der Leiter, Herr Backhaus war ziemlich angetan von der Idee und lud mich zu sich ein.

Ankommen in Pankow

Ich war nicht allein an diesem Tag. Meine beste Freundin Rebecca begleitete mich, nachdem sie am Vortag anrief und fragte, ob sie mitkommen könne. Ihre Mutter hatte früher auch in einer Suppenküche gearbeitet und verstand, was echte Armut bedeutete. Rebecca selbst entkam nur knapp diesem Schicksal, weil sie ein starkes Umfeld hatte. Natürlich freute ich mich, das Ganze gemeinsam anzugehen. Ich fand es sogar praktisch, denn so konnte ich wahrscheinlich bessere Aufnahmen machen, während sie mit dem einen oder anderen ins Gespräch kommt. Außerdem kann sie die zweite Kamera bedienen.

Es war früh am Morgen, als wir uns auf den Weg machten. Die Sonne strahlte über den leeren Straßen, und der Himmel war klar. Zumindest waren sie das bis zu den Toren Berlins. Eine Stunde Stau war inklusive. Schließlich kamen wir irgendwann vormittags in Pankow an und wurden herzlich empfangen. Der Leiter, Herr Backhaus, begrüßte uns freundlich in seinem kleinen Büro, das mit allerlei Details dekoriert war. Wir stellten uns vor und sprachen über das, was wir uns von dem Tag erhofften. Backhaus war bereit, uns einige Fragen zu beantworten und uns anschließend durch das Gebäude zu führen. Er wollte uns Mitarbeiter und Gäste vorstellen, in der Hoffnung, dass einige von ihnen damit einverstanden waren, wenn wir sie fotografierten oder ihre Geschichten aufschrieben.

Er leitet die Einrichtung seit zehn Jahren und ist einer der wenigen, die für ihre Arbeit bezahlt werden, dank Spenden. Alle anderen Mitarbeiter sind entweder ehrenamtlich tätig, im Bundesfreiwilligendienst, in Praktika oder Teil von Maßnahmen. Die Suppenküche wurde 1991 von Schwester Monika ins Leben gerufen. Sie gründete die Suppenküche des Franziskanerklosters Pankow mit dem Ziel, Bedürftigen in der Region zu helfen. Heute ist die Einrichtung eine Anlaufstelle für viele Menschen, die auf der Suche nach Nahrung und Wärme sind.

Schwester Monika gründete 1991 die Suppenküche des Franziskanerklosters Pankow

Backhaus führt uns durch das Gebäude und erklärt, wie die Suppenküche arbeitet, um täglich bis zu 220 Menschen zu versorgen. Er ist ein gefragter Mann. Fast jede Minute klingelt das Telefon, nimmt Spenden entgegen oder gibt Rat. Seine Tür steht offen, für jedermann. Er empfiehlt uns ein Buch: „Obdachlosigkeit, warum sie mit uns allen zu tun hat“. Gerade kommt Christine herein, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, die uns eine Ausstellung empfiehlt.

Ein ganz normaler Tag im Franziskanerkloster

Schon früh am Morgen kommen die ersten Gäste an und genießen den Sonnenschein. Die Suppenküche öffnet vormittags, damit die Menschen sich aufwärmen können. Übernachtungen bietet das Kloster jedoch nicht an; diese Aufgabe übernehmen andere Einrichtungen in der Stadt.

In der Küche werden verschiedene Gerichte zubereitet, um den Bedürfnissen der Gäste gerecht zu werden. Der Duft von frischer Suppe und Gebäck erfüllt den Raum, während die Mitarbeiter emsig arbeiten, um alles vorzubereiten. Backhaus führte uns herum. Vorbei an der Küche, hin zum Pausenraum. An den Wänden hängen Gemälde eines Künstlers, der einige der Gäste porträtiert hat. Manchmal kommt er selber her. Es ist mittlerweile 12.45 Uhr. Zeit, die Pforten zu öffnen.

Vorn an der Straße läutet die Glocke. Das Schlagen ist lang und laut, sodass es jeder von Weitem hören kann. Eine Schlange entsteht vor dem Gebäude. Von überall her strömen Menschen ins Kloster. Backhaus begrüßt jeden Einzelnen. Vielen ist ihre Dankbarkeit ins Gesicht geschrieben. Eine Spanierin kann ihre kaum in Worte fassen und ringt um Fassung. Backhaus spricht ein Gebet. Dann geht es los. Er erhält eine Spende. Einen Beutel Schuhe, während sich der Treck langsam in Bewegung setzt. Das Essen schmeckt gut, sagen sie, auch wenn der ein oder andere den alten Koch vermisst.

Geschichten

Backhaus erzählte uns von vielen Geschichten und Schicksalen seiner bisherigen Zeit hier. Er erwähnt, dass sich alle Betroffenen selbst die Schuld für Ihre Lage geben. Natürlich ist die Armut gestiegen, insbesondere die im Alter, trotzdem die Anzahl an Gästen in den letzten Jahren rückläufig war im Franziskanerkloster. Aber das hat nichts zu sagen. Niemand kennt die Dunkelziffern und sicher ist es die Scham, die viele gar nicht erst herkommen lässt. Die Überwindung ist die größte Hürde.

Wie können Sie die Not um sich herum nur aushalten, fragte ich ihn. Nun, er erklärte es mir anhand des Unterschieds zweier Begriffe: Mitgefühl und Empathie. Er konzentriert sich auf Ersteres. Denn emotionale empathische Fähigkeit bedeutet, „Ich fühle, was du fühlst.“ Mitgefühl dagegen heißt, „Ich weiß, was du fühlst.“ Mit dieser Strategie fährt er sehr gut und nimmt dadurch die zum Teil schweren Probleme nicht mit nach Hause zu seiner Familie.

Für einige seiner Gäste hat das Leben auf der Straße jedoch tatsächlich etwas für sich, nämlich echte Unabhängigkeit und Freiheit. Es ist ihre bewusste Entscheidung, sich nicht erfassen zu lassen und vom Staat abhängig zu sein. Das ist übrigens auch der Grund für Backhaus, ausschließlich von privaten Spenden zu leben. Er könnte auch Fördermittel vom Staat beantragen, aber das möchte er nicht. Auch das Kloster will sämtlichen Abhängigkeiten von Behörden entgehen. Ansonsten müssten Einkommensnachweise vorgelegt werden von den Gästen, die beweisen müssten, dass sie sich das Essen nicht mehr leisten können. Diese Peinlichkeiten möchten die Franziskaner vermeiden. Die Gäste müssen auch keinen Obolus entrichten für die Nahrung, so wie es in manch anderen Einrichtungen der Fall ist. Hier ist alles vollkommen kostenfrei.

Leiter der Suppenküche, Bernd Backhaus

Fallen Überschüsse an Spenden jeglicher Art an, so werden diese weiterverteilt an andere Institutionen und Organisationen. Beispiel Kleidung. Pro Woche fallen ein bis drei Tonnen überschüssige Wäsche an. Diese wird an die Deutsche Kleiderstiftung weitergegeben. Man hilft sich also untereinander. Rebecca und ich spürten, dass dies ein wahrlich herzlicher Ort ist. Ebenso wie die Menschen, die hierherkommen. Sie fühlen die Güte und schätzen Backhaus und seine Kollegen sehr.

Auch heute waren es viele. Zu viele. Und jeder hat seine eigene Geschichte. Da ist zum Beispiel Alex. Kurze weiße Haare, Axel Shirt und mit viel Redebedarf, ist seit den Neunzigern arbeitslos. Er hat abgeschlossen mit der Gesellschaft. Nachdem er jahrelang als Transport- und Staplerfahrer gearbeitet hat, wurde er anschließend entlassen. Es folgte ein Jahr Arbeitslosigkeit. Danach war er noch ein paar Jahre in einer Leihfirma angestellt, bevor er irgendwann die Schnauze voll hatte und sich dazu entschieden hat, sich aus diesem kapitalistischen Gefängnis zu befreien. Er nahm sein ganzes Gespartes und haute es auf den Kopf. Nun lebt er seit zwanzig Jahren von Sozialhilfe und hat sich damit abgefunden. Der Politik schenkt er kein Vertrauen. Seit der Wende hat sich alles nur noch zum Negativen entwickelt, sagt er. Zu DDR Zeiten gab es keine Suppenküchen. Es ist eine Schande, sagt er mit zitternder Stimme und schaut verloren in den Himmel.

Dietmund. Über siebzig. Ein Unfall fesselte ihn an den Rollator. Keiner seiner Verwandten kümmert sich um ihn oder fragt nach, wie es ihm geht. Mit seiner Tochter hat er schon Jahre keinen Kontakt mehr. Aber Hilfe will er nicht annehmen. Er hat eine Pflegestufe beantragt, sagt er, aber die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Ihm kommen die Tränen. Rebecca versucht ihm gut zuzureden, sodass er die Hilfe, die ihm zusteht, auch annimmt, denn auf Nachfrage bei der Sozialarbeiterin im Kloster hieß es, dass er die Hilfe bisher nicht anzunehmen scheint. Ich weiß nicht, ob es auch mit Scham oder Stolz zusammen hängt.

Rebecca hört Dietmund aufmerksam zu

Thilo kam mir eher wie eine Frohnatur vor, mit seinem feschen Basecap und dem Levis-Shirt. Er ist seit 1994 arbeitslos und lebt mit seiner Freundin in einer kleinen Wohnung. Auch er bestätigt, dass die Armut gestiegen ist im Laufe der Zeit. Als ich ihn fragte, was er von der Politik und der Gesellschaft hält, winkte er nur ab. Das stille Elend will niemand sehen in dieser Leistungsgesellschaft, sagt er.

Mittlerweile war es gegen drei. Die Stunden vergingen wie im Flug. Wir wurden nachdenklich, als wir in all diese Augen sahen, aber waren froh, hier hergekommen zu sein und den Unsichtbaren ein Gesicht gegeben zu haben. Ihre Stimmen möchte ich mit diesem Artikel verewigen und all den helfenden Seelen danken, die sich ihrer freiwillig annehmen.

Fazit

Jeder von uns kann in diese Situation kommen. Ich glaube, vielen Menschen ist es gar nicht bewusst, wie schnell. Oft reicht eine Verkettung an Problemen. Der Partner verlässt einen, der Job ist weg oder man gerät in eine finanzielle Schieflage. Es gibt tausende Gründe. Man sollte also die Ärmsten dieser Gesellschaft nicht so schnell verurteilen. Niemand ist davor geschützt.

Ich kann ihr Leid nicht lindern, doch ich kann dazu beitragen, sie für einen Moment sichtbar zu machen und an jeden zu appellieren, ihnen beim nächsten Mal nicht aus dem Weg zu gehen, sondern ein herzliches Lächeln zu schenken. Dies ist oft viel mehr wert, als alles Geld der Welt.

Liebe Freunde, Familie und Unterstützer,

Als Fotograf ist es meine Leidenschaft, Geschichten zu erzählen, die nicht nur ästhetisch ansprechend sind, sondern auch zum Nachdenken anregen und einen Beitrag zu gesellschaftlichem Wandel leisten sollen. Meine Fotoreportagen decken eine Vielzahl von Themen ab, von sozialen Ungerechtigkeiten bis hin zu politischen Herausforderungen, und zielen darauf ab, die Welt um uns herum in all ihrer Vielfalt und Komplexität einzufangen.

Mit deiner großzügigen Spende kannst du dazu beitragen, dass ich weiterhin diese wichtigen Themen beleuchten und die Geschichten von Menschen, die oft übersehen werden, ans Licht bringen kann. Deine Unterstützung ermöglicht es mir, in benachteiligte Gemeinschaften zu reisen, mich in langfristige Projekte zu vertiefen und die Stimmen derer zu verstärken, die gehört werden müssen.

Jeder Beitrag, sei er groß oder klein, ist von unschätzbarem Wert und wird direkt in meine fotografische Arbeit für den sozialen Wandel investiert. Als Dankeschön werde ich regelmäßig Updates über meine Projekte und Fortschritte teilen und exklusive Einblicke in die Geschichten hinter den Fotos geben.

Vielen Dank im Voraus für deine Unterstützung und dafür, dass du mich dabei unterstützt, die Welt durch meine Linse ein Stück weit zu verändern.

Herzliche Grüße,

Ulli Frühhaber aka EARLYHAVER