Für Jan

Ein grauer Tag mit leisen Versprechen

Es ist ein milder Frühlingstag. Der Himmel hängt tief, als hätte er sich eine Decke übergezogen. Ein feiner Regen fällt gleichmäßig vom Himmel, unaufgeregt, aber beständig. Nichts Spektakuläres, kein Donner, kein Blitz – einfach ein stiller, grauer Tag, der fast zu gut passt für meine Begriffe.

Es ist 15 Uhr. In einer Stunde beginnt eine Jugendweihe. Nicht irgendeine – sondern die eines Jungen, den ich bis zu diesem Moment nicht kannte: Jan.

Er ist der Sohn von Sindy, der Lebensgefährtin meines Volleyballkumpels Carsten. Irgendwann – es war wohl rund um das Volleyballturnier im letzten Jahr – sprach mich Carsten auf das Fest an. Oder besser gesagt: Er sprach nicht darüber, ob ich fotografieren möchte – vielmehr klang es wie eine Selbstverständlichkeit, dass ich es tun würde. Und er hatte recht. Ich sagte ohne Zögern zu.

Ein Ort, an dem mehr passiert, als man sieht

Der Veranstaltungsort ist das „ResoWitt“ – eine Einrichtung, an der ich in den letzten Jahren des Öfteren vorbeigefahren bin, ohne je zu wissen, was dort eigentlich passiert. Von außen wirkte es eher unscheinbar, fast anonym. Doch dieser Eindruck sollte sich heute vollständig wandeln.

Als ich ankomme, werde ich bereits erwartet. Carsten begrüßt mich freudestrahlend, auch Sindy heißt mich herzlich willkommen. Ihre kleine Tochter ist ebenfalls schon da – quirlig, offen, lebensfroh. Sie hatte bereits damals beim Volleyballturnier alle Blicke auf sich gezogen.

Die drei strahlen mir eine Wärme entgegen, die nicht aufgesetzt wirkt. Für sie scheint es nicht selbstverständlich zu sein, dass ich gekommen bin. Vielleicht, weil sie es nicht gewohnt sind, dass Versprechen eingelöst werden. Vielleicht auch, weil echte Verbindlichkeit heute selten geworden ist.

Die Räumlichkeiten sind geschmackvoll und liebevoll vorbereitet. Das Motto des Tages lautet Schwarz-Rot – eine ungewöhnliche, aber starke Farbkombination. Gäste und Dekoration greifen das Thema auf – ein durchdachtes Detail, das dem Ganzen Struktur und Stil verleiht.

Jan

Dann wird mir Jan vorgestellt. Er ist der Mittelpunkt des Tages – und wirkt doch alles andere als inszeniert. Er ist höflich, ruhig, zugewandt. Kein Angeber, kein Lautsprecher. Einer, der genau beobachtet und erst dann spricht. Ich mag das.

Jan mit seinem Vater

Es dauert nicht lange, bis sich der Raum füllt. Eine große Familie kommt zusammen – bunt, laut, herzlich. Namen fliegen herum, Geschichten werden erzählt, Umarmungen verteilt. Carsten und Jan stellen mich allen vor. Ich beginne zu fotografieren – zunächst dezent, zurückhaltend. Mein Ziel ist es nie, zu stören – ich will miterleben, nicht unterbrechen.

Kaffee und Kuchen stehen bereit. Der Regen lässt langsam nach. Die Gespräche klingen heller, leichter. Die Kinder zieht es nach draußen – Ostereiersuche steht auf dem Programm. Auch ich folge ihnen mit der Kamera in der Hand und fange ein, was sich zeigt: leuchtende Augen, kleine Erfolge, große Freude.

Erinnerungen in Schwarz-Rot

Ich schlage vor, Porträtfotos zu machen. Wer möchte, darf. Und fast alle möchten.

Mal allein, mal als Paar, mal als Gruppe. Jeder bringt etwas Eigenes mit: eine Haltung, ein Lächeln, eine Geschichte. Und ich versuche, das festzuhalten, was sich nicht sagen lässt.

Als ich später die Bilder sichte, zähle ich über 1.200 Aufnahmen. Natürlich bleiben am Ende nur wenige übrig – aber es geht nie um Masse. Es geht um das eine Bild, in dem ein Moment eingefroren ist. Das eine Foto, das nach Jahrzehnten noch spricht.

Mein Teamkamerad Berti mit seinen geliebten Eltern
Der Duft von Grillgut und der Klang von Dankbarkeit

Als der Abend sich nähert, übernimmt Max den Grill. Ein Mann mit Rhythmusgefühl und Humor. Steaks, Würstchen, marinierte Überraschungen – was da auf den Rost kommt, lässt wenig Wünsche offen.

Dazu gibt es eine Vielzahl selbstgemachter Salate. Hier haben sich Sindy und Carsten wirklich ganz besondere Mühe gegeben. An alles wurde gedacht. Es ist ein Essen, das nicht nur satt macht, sondern verbindet.

Die Gespräche wandeln sich, werden ruhiger, persönlicher. Die Sonne bricht durch die Wolken. Sie kommt nicht oft an diesem Tag, aber wenn, dann richtig.

Jochen – der Mann hinter dem Gelände

Erst am späteren Abend lerne ich Jochen kennen. Ein Mann, der sich Zeit nimmt, wenn er sie hat – und sonst lieber mit den Händen arbeitet.

Seit über zwanzig Jahren ist er der Hausmeister des ResoWitt. Doch Hausmeister ist nur ein Wort – in Wahrheit ist er der Möglichmacher.

Jochen ist gelernter Garten- und Landschaftsbauer. Seine eigene Kindheit war schwierig. Mit sechzehn kam er in ein Heim – das Jugendamt griff ein. Der Vater früh verstorben, die Mutter? Irgendwo, vielleicht.

Heute ist Jochen 65. Und obwohl er längst im Ruhestand sein könnte, arbeitet er weiter – aus Überzeugung. Er organisiert Veranstaltungen, repariert und pflegt das Gelände mit Hingabe. Hier gibt es alles, was Kinder brauchen: Schaukeln, Rutschen, Kicker, Tischtennis – und ein echtes Beachvolleyballfeld.

Jochen, ein Mann mit echtem Herz

Auch Carsten nutzt es regelmäßig. Neben unserem gemeinsamen Verein hat er sich hier ebenfalls ein sportliches Zuhause geschaffen.

Das ResoWitt betreut derzeit etwa 150 Familien – Tendenz steigend. Jochen erklärt mir den Namen: „Resozialisierung Wittenberg“. Plötzlich ergibt alles Sinn.

Der Ort lebt – nicht nur durch Gebäude, sondern durch Menschen wie ihn.

Der Abschied und das, was bleibt

Es ist fast 22 Uhr, als ich mich auf den Heimweg machen möchte. Doch bevor ich gehe, stehen Carsten, Sindy und Jan vor mir. Sie überreichen mir einen liebevoll gepackten Präsentkorb.

Keine große Rede, keine pathetischen Worte – nur ehrliche Dankbarkeit.

Ich bin gerührt. Und gleichzeitig fast ein wenig verlegen. Denn ich habe ja noch gar nichts „abgeliefert“. Noch keine Bilder, kein Bericht. Nur Präsenz. Doch vielleicht war genau die das Wichtigste.

Jetzt, da ich die Fotos sichten und sortieren darf, weiß ich: Ich habe diesen Tag nicht einfach nur begleitet – ich durfte Teil davon sein.

Für Jan

Ich hoffe, dass meine Bilder eines Tages etwas erzählen können. Nicht nur von einem Fest – sondern von einem jungen Menschen, der auf leisen Sohlen erwachsen wurde.

Von einer Familie, die ihn trägt.

Von einem Ort, der mehr gibt, als man sieht.

Und von einem Frühlingstag, an dem es regnete, aber keiner klagte.

Für Jan.
Für die Erinnerung.
Für später.


Retrospektive

Ein ereignisreiches Jahr

Auch diesmal möchte ich ein paar meiner Lieblingsaufnahmen verewigen und mit euch teilen. Ich brauche niemanden zu erzählen, dass es ein ganz besonderes Jahr war. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen gemacht und geht unterschiedlich damit um. Meine Position habe ich hinlänglich postuliert und ist in vergangenen Artikeln nachzulesen. Nur ein Wort, ich wünsche mir, dass wir in der Zukunft wieder näher zueinander finden.

Abstecher in die Lausitz

Gleich zu Beginn des Jahres entschloss ich mich, in die Lausitz zu fahren, einen Landstrich in Sachsen und im Süden Brandenburgs, der an den Grenzen unserer Nachbarländer Polen und Tschechien liegt. Da ich ein großes Pensum vor mir hatte, suchte ich mir diesmal eine Übernachtungsmöglichkeit, um möglichst viele Eindrücke einfangen zu können. Meinen ausführlichen Beitrag dazu findest du hier.

Die Poesie des Himmels

Im Frühjahr diesen Jahres gab es für einen kurzen Zeitraum keine Möglichkeit in die Ferne zu reisen, also suchte ich mir Naheliegendes. Ich entschied, mich ein paar Tage durch meine unmittelbare Umgebung inspirieren zu lassen und fokussierte mich auf die Natur. So entstanden einige Momente dieses Naturschauspiels, was ich in meinem zweiten Artikel dieses Jahr veröffentlichte. Hier findest du meine Impressionen davon.

Abstecher in die Börde

Im Juni besuchte ich endlich einmal die Börde, einen Landstrich in meinem Heimatbundesland Sachsen-Anhalt. Schon lange spielte ich mit dem Gedanken, mich einmal näher dieser Gegend zu widmen. Ich entdeckte eine Fülle an wunderschönen Bauten und Schlössern, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie ganz in der Nähe meines Wohnortes zu finden sind. Wer Näheres sehen möchte, findet das hier in diesem Artikel.

Ein Junitag

Schließlich machte ich ein Versprechen wahr und besuchte Fahima samt ihrer Familie, um ein paar situative Aufnahmen zu machen. Sie fragte mich schon lange danach und im Juni hat es dann endlich geklappt. Am Ende sind ein paar wirklich schöne Aufnahmen entstanden, die ich schließlich auch in einem Fotobuch verewigte. Hinzu wurde mir die Ehre zu Teil, dass ich in der Photosphäre veröffentlicht wurde. Die Photosphäre ist ein relativ bekanntes Medium, in dem viele kleine Künstler eine Plattform finden. Umso schöner, dass ich gleich als erster in dem Empfehlungsartikel stehe. Eindrücke dieses schönen Tages findest du hier.

Hochzeitstag meiner Eltern

Ein ganz besonderer Tag stand im Juli diesen Jahres an und zwar der Hochzeitstag meiner Eltern. Bewegende Augenblicke, die ich versucht habe, würdevoll festzuhalten. Ich finde, dass es mir gelungen ist, jedenfalls fanden Sie auch Gefallen daran und das ist das Wichtigste. Den Artikel dazu findest du hier.

Zu Besuch in Salzburg

Ein Höhepunkt des Jahres war die Reise in unser wunderschönes Nachbarland Österreich. Als kleiner Bengel war ich schonmal dort, aber erinnern konnte ich mich nicht mehr daran. Mein Ziel sollte Salzburg sein, die Heimat Mozarts. Spektakuläre Eindrücke erwarteten mich dort. Meinen ausführlichen Artikel dazu findest du hier.

Besuch auf mehreren Kundgebungen

So wie viele Menschen, mache ich mir Sorgen über die Entwicklungen auf diesem Planeten. Die einschneidenden Ereignisse weltweit bewogen mich dazu, diese Veranstaltungen zu besuchen. Ich wollte auch etwas Gutes dazu beitragen, in dem ich die Demonstrationen fotografisch begleitete. Wer mehr darüber lesen möchte, dem kann ich meine drei Artikel empfehlen. Die Demonstration in Berlin, der Schweigemarsch und die Kundgebung in Leipzig. Mir wurde des Weiteren die Ehre zu Teil, diese drei Artikel auch im Nachrichtenportal Rubikon zu veröffentlichen.

Was wird sie bringen, die Zukunft?

Noch immer fotografiere ich leidenschaftlich gern, doch ist es mir im Moment leider nicht möglich, in der Hinsicht viel zu erleben. Deswegen nehme ich mir auch ab und an ein paar ältere Aufnahmen vor und bearbeite sie nach Lust und Laune. Vielleicht widme ich mich demnächst etwas mehr der Natur, fotografiere die Leere oder Menschen. Wer weiß, was mir begegnet oder was sich findet. Meine Kamera und ich freuen sich auf alles Spannende. Ich kann nicht einschätzen, was die Zukunft bringen wird, es bleibt uns allen nichts anderes übrig, als das Beste draus zu machen. Ich bleibe zuversichtlich und werde so lange ich kann, meine Vorstellungen visualisieren und mich über jeden Einzelnen freuen, der in einem meiner Bilder etwas sieht und für einen kurzen Moment inne hält. Die Fotografie ist etwas Bleibendes, sie kann auch Menschen in weiter Zukunft bewegen, bilde ich mir ein. Ein Bild kann mehr sagen, als tausend Worte und mehr berühren, als jedes Video. Deswegen liebe ich die Fotografie. Sie gibt mir einen echten Sinn im Leben. Ich bin dankbar, diese Leidenschaft für mich entdeckt zu haben und freue mich auf viele neue Motive in der Zukunft.

~ Ulli

Meine Eltern

Ein besonderer Tag

Juli 2020, mein Vater schrieb mir, ob ich an seinem vierzigsten Hochzeitstag ein paar Bilder schießen könne von ihm und meiner Mutter. Völlig überrascht und nichtsahnend, dass es gerade so ein besonderer Tag ist, willigte ich natürlich sofort ein. Ich packte meine Kamera ein und stieg ins Auto. Meine Eltern wohnen nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Während ich auf dem Weg zu ihnen war, dachte ich an Vieles. Ich sah meine Kindheit vor Augen, all die wundervolle Zeit und die guten Ratschläge, die sie mir für das Leben gaben, die Liebe, die sie mir stetig entgegenbrachten und wie sie in jeder Situation hinter mir standen. Ich erinnerte mich an meine Schulzeit und wie sie immer nur das Beste für mich wollten und das auch in die Tat umsetzten. Trotzdem ich ein Einzelkind bin, haben Sie mich immer zur Offenheit, zur Hilfsbereitschaft und zur Freundlichkeit erzogen. Es begleitete mich ein Hauch Sentimentalität und musste auch zugeben, dass ich nicht immer der beste Sohn für sie gewesen sein muss, denn Flausen hatte auch ich damals im Kopf. Aber dieses Schicksal teile ich ganz sicher mit allen Kindern dieser Welt. Ich war jedenfalls immer sehr dankbar für solch liebevolle Eltern.

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Ankommen

Noch in Gedanken versunken, erreichte ich mein altes Zuhause, mit dem ich soviel Schönes verband. Die Tür zugeklappt, den Rucksack in der Hand, wurde ich wie immer herzlich empfangen. Selbstverständlich wurde mir alles Mögliche angeboten, Saft, Bier, Sekt und Nahrung in jeglicher Form. Ich war noch nicht hungrig und entschied mich für ein kühles tschechisches Bier, mit dem ich auf der Veranda mit meinem Vater Rainer und meiner Mutter Andrea anstieß auf ihren besonderen Tag. Ganze vierzig Jahre verheiratet, Mensch, dachte ich mir, das ist eine verdammt lange Zeit. Wundervoll, dass sie bis heute ein tolles Team sind, für mich das Beste überhaupt. Meine Mutter ist seit einigen Jahren gesundheitlich schwer eingeschränkt und dennoch macht sie immer das Beste daraus und gibt sich niemals auf. Diese Kraft die sie aufbringt und diese liebevolle Selbstlosigkeit, die sie wirklich Jedem erweist, ist für mich einmalig. Ich bewundere Sie sehr dafür und wünsche mir, dass Sie noch viele viele Jahre diese Energie in sich trägt. Mein Vater ist immer an ihrer Seite gewesen, selbst in schwersten Zeiten, kämpfte er wie ein Löwe gegen alle Widrigkeiten an, die ihnen entgegengestellt wurden. Bis heute spürt man die tiefe Zuneigung füreinander. Was gibt es Schöneres? Eine Ehre für mich, die Beiden in so einem Moment festhalten zu dürfen.

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Momentaufnahmen

Wir gingen in ihren wundervollen grünbewachsenen Garten und versuchten ein paar Momente für die Ewigkeit festzuhalten. Eine ziemliche Bürde, die ich mit mir rumtrug, denn gestellte Bilder sind ja nun nicht unbedingt mein Ding, aber ich versuchte den Spagat zwischen gestellten Aufnahmen und situativen Momenten. Ab und zu dirigierte ich sie mal an diese und an jene Stelle, in der Hoffnung, zum Schluss würden ein paar gute Eindrücke entstehen. Insgesamt drückte ich 320 Mal den Auslöser. Am Ende hat es sich gelohnt. Ich bin sehr glücklich, meine Eltern an ihrem Ehrentag festgehalten zu haben.

~ Ulli