Die Verurteilten

Kein Tag, wie jeder andere

Am 31. Oktober war es wieder so weit. Wie in jedem Jahr, wird das einschneidende Ereignis aus dem Jahre 1517 in der Wiege der Reformation, meiner Heimat Wittenberg, ausgiebig gefeiert. Viele tausend Menschen besuchen das mittelalterliche Fest und flanieren durch die herrliche Innenstadt, die von den Schrecken des zweiten Weltkrieges weitgehend verschont blieb. Unbekümmert und vergnügt laufen sie durch die schmalen Gassen, bestaunen die mächtigen Statuen längst vergangener Zeiten und füllen ihre Bäuche mit alten Weinen und köstlichen Speisen. Sie lachen und sind vergnügt. Fernab des stressigen Alltags, vergessen sie und genießen ihre kostbare Zeit. Wer will es ihnen verdenken? Ich schaue sie an, schließe zeitweise die Augen und lächle. Ein warmes Gefühl umschlingt meinen Körper und ich beginne, mich kurzfristig an alte, unbeschwerte Zeiten zu erinnern. Es fühlt sich an, wie in einem Traum, aus dem man nicht mehr aufwachen möchte. Ich realisiere, wie ich es ihnen aus tiefstem Herzen gönne.

Und doch möchte ich sie berühren, sie wachrütteln, ihnen meine brennenden Intentionen mitteilen, sie warnen und vor Augen halten, welch finstere Seelen uns alle bedrohen. Aber ich weiß, die Worte würden verhallen, sie würden ein schallendes Gelächter hervorrufen oder einen mitleidigen Blick im besten Falle. Es verharrt ein sanfter Schmerz in meiner Brust und Traurigkeit umgibt mich. Nachdenklichkeit macht sich breit. Meine Gedanken irren wild umher und ich frage mich erneut, bin ich es vielleicht, der die Dinge falsch interpretiert? Täuscht mich mein Gefühl so sehr? Nur die Zukunft wird Antworten darauf geben können.

Ein seichter Auftakt

Parallel zum traditionellen Fest fand diesmal ein weiteres Ereignis in Wittenberg statt, die Reformation 2.0, wie es die Organisatoren nannten. Eine Zusammenkunft kritischer Geister, die die Symbolkraft dieses historischen Tages nutzen wollten, um ihrerseits eine Botschaft in die Welt zu senden. Gewaltige Fußstapfen in die sie da treten wollen. Es war ganz sicher eine riesige Kraftanstrengung, solch ein Event aus eigener Tasche zu stemmen. Dafür gebührt den Veranstaltern größten Respekt.

Nachdem ich erste Eindrücke des klassischen Reformationstages an diesem sonnigen Herbsttag einsog, wanderte ich mit meinem 50 mm Objektiv bewaffnet, Richtung Amselgrund, den Ort des Geschehens, an dem die Veranstaltung gegen dreizehn Uhr beginnen sollte. Viele Menschen waren noch nicht vor Ort. Der Treffpunkt schien auch nicht leicht zu finden zu sein für Außenstehende. Für jedes Navi war der Amselgrund ein Fremdwort und Parkplätze an solch einem Tag zu finden, grenzt auch an ein Wunder.

Ich tauchte in die relativ überschaubare Menge ein und gönnte mir erst einmal einen köstlichen Kaffee, den die Veranstalter gegen eine kleine Spende austeilten. Hier bekam ich auch zu hören, dass es unter Anderem verboten war, Speisen anzubieten. Verrückt, dachte ich mir. Wer weiß schon, was sich die Stadt dabei gedacht hat, solch eine Auflage zu erteilen. Hindernisse anderer Art waren die beschmierten Betonböden, auf denen im Vorfeld die Verachtung gegenüber dieser Veranstaltung zum Ausdruck gebracht worden ist, sowie verklebte Türschlösser an den Toiletten.

Ich lief ein wenig umher und erlebte eine friedliche Stimmung. Entspannt setzte ich mich ins Gras und genoss das langsame Anwachsen der Veranstaltung. Es waren einige Kameras zu sehen, ganz offensichtlich nahm man auch außerhalb unserer Stadtgrenzen dieses Ereignis war. So kam es auch, dass ich Jens Zimmer traf, der für „InfraRot“ arbeitet und dessen Podcasts ich mir regelmäßig anschaue. Wir unterhielten uns kurz, schoss danach noch ein Foto von ihm und ging dann wieder meiner Wege. Inzwischen trafen mehr und mehr Menschen ein und der Amselgrund füllte sich zusehends.

Bühne frei

Schließlich wurde die „Reformation 2.0“ offiziell eröffnet und einer der Organisatoren begrüßte die Menschen. Nach seinen einleitenden Worten begann die Kundgebung mit einem Musikbeitrag von Estéban Cortez, der wirklich melodische Stücke präsentierte, die zum Mitwippen und Nachdenken anregten. Ein weiterer musikalischer Gast war „Krähe“, ein Musiker aus dem direkten Umland, dessen Lieder sich durch klare Statements, eingängigen Melodien und einer rauen Stimme auszeichnen. Er appellierte unter Anderem an die Redakteure, endlich unabhängigen Journalismus zu betreiben, auch sie haben Kinder und zerstören durch ihre einseitige Berichterstattung die Demokratie. Sie lebt von Beteiligung sagt er. Ebenso wie Luther damals, kann er nicht anders, denn er möchte später einmal nicht sagen müssen, er habe es gewusst und nichts dagegen getan.

Es gab viele weitere Redner auf der Bühne des Wittenberger Amselgrunds. Ihre Inhalte alle zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen. Zusammengefasst ging es um Kritik an der Regierung und ihrem Handeln. Doch es gab auch konstruktive Vorschläge, die ich von Marcus Fuchs aufschnappte, einem Organisator der Demonstrationen in Dresden, der die Menschen dazu aufforderte, ihre Differenzen bei Seite zu legen und sich stattdessen auf die Gemeinsamkeiten zu fokussieren. Beispiele dafür wären für ihn, der Erhalt des Bargeldes, politisches Fehlverhalten ahnden, sowie bedingungslos friedliche Außen- und sinnvolle Energiepolitik. Punkte, die ich gänzlich unterstreichen würde.

Der Zug setzt sich in Bewegung

Inzwischen sind Stunden vergangen. Nächster Punkt im Programm war ein großer Demonstrationszug durch die Stadt, der in der Abschlusszeremonie, einer weiteren Bühne am Luthergarten, enden sollte. Es war ein wirklich langer Weg. Mit den Trommlern an der Seite, setzte sich der Zug bei nun mittlerweile diesigem Wetter in Bewegung. Das war ein toller Moment und man konnte sich nun ein besseres Bild von der Masse an Menschen machen. Ganze sieben Minuten nahm ich mit meinem Handy auf, in denen unentwegt Menschen vorbeizogen. Im Laufe des friedlichen Protestzugs haben sich immer mehr Leute angeschlossen. Die Stimmung war super. Ich beschloss, eine Abkürzung zu nehmen und auf den Tross zu warten.

Schließlich war die Sonne verschwunden und die mächtigen Scheinwerfer und Leinwände der zweiten Bühne erhellten den Abend imposant. Als die Masse im Luthergarten eintraf, war das ein berührender Moment, denn ihre Glücksgefühle waren ihnen deutlich anzusehen und steckten an.

Abschluss

Die Masse war versammelt und lauschte den letzten Beiträgen, die auch hier mit wirklich tollen Musikbeilagen untermalt wurden. Die Sängerin „Rairda“ nahm die Zuhörer mit auf eine sphärische Reise. Diese Liveperformance ging unter die Haut. Anschließend sprach ein Pfarrer, der die Teilnehmer vom ehemaligen ZDF Moderator Peter Hahne herzlich grüßen ließ, bevor Jürgen Elsässer an das Mikrofon trat. Sein Fokus lag auf NATO, amerikanischer Außenpolitik und den Deutschen. Inhaltlich nichts Neues, aber dennoch wichtig, solche heißen Themen immer wieder anzusprechen und sich eben nicht davor zu verstecken. Nach seinem Beitrag war ich dann am Ende und lief nach Hause.

Platt, die Klamotten in die Ecke geschmissen, wate ich an meinen Rechner und überspiele ganze 15 GB mit 442 Bildern und Videos. Gerade will ich die ersten Zeilen schreiben, da läuft im Hintergrund eine Melodie, die ich seit langer Zeit nicht mehr zu Ohren bekam und die mich seltsam nachdenklich stimmte. Sie ließ mich den Abend noch einmal genussvoll Revue passieren. Ich dachte an den Mut, den all die Menschen auf der Bühne und vor Ort aufbringen, nur um für Selbstverständlichkeiten einzutreten, die man bisher niemals in Frage gestellt hätte. Das Ausmaß der Absurdität ist mittlerweile so grotesk, dass einem teilweise die Worte fehlen und man gar nicht mehr weiß, wo man ansetzen soll, wenn sich doch einmal ein interessierter Mensch aus der Herde herauswagt und sein Interesse bekundet.

Die Verurteilten

Am heutigen Tag begegnete ich einigen verfemten Personen des öffentlichen Lebens persönlich. Ihnen allen hat die mediale Berichterstattung offenkundig nicht gut getan. Sie sorgten aktiv dafür, dass diese Menschen, die ebenso ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft sind, kein Gehör in der breiten Öffentlichkeit fanden und immer noch finden. Einer der verbrämten, der verbrannten und geächteten, ist Dr. Heinrich Fiechtner. Ein Mann, den viele Mitmenschen augenscheinlich als das personifizierte Böse ansehen. Ich selbst bemerkte bei seiner energischen Rede, welch rhetorische Kraft in ihm steckt und wie er, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, mit voller Inbrunst seine Überzeugungen mit der Menge teilte. Auch er ist ein Verurteilter in den Augen Vieler.

Er und all die anderen, die sich für ein friedliches und faires Miteinander einsetzen, sind schuldig. Die vermeintliche Mehrheit hat sich entschieden sie zu verurteilen. Sie sind schuldig, wenn es heißt, sich den bewusst herbeigeführten Fehlentwicklungen entgegen zu stellen und laut Nein zu sagen, wenn Ungerechtigkeiten Realität werden. Schuldig, wenn es heißt, für ein echtes demokratisches Miteinander zu sein. Schuldig, bei Verlautbarung, für Frieden einzustehen mit allen Völkern dieser Erde.

Egal, ob der eine laut und der andere leise agiert, wir alle sollten froh darüber sein, dass es diese Menschen gibt, die sich auf unterschiedlichstem Wege für Freiheit und Frieden einsetzen, egal wie stark der Gegenwind ist. Allen Verurteilten danke ich von ganzem Herzen und sende noch einige mutmachende Eindrücke dieses einzigartigen Tages.

Rückspiegel

Fünfzehn Kilometer

Den Anfang des Jahres möchte ich mit einem kleinen Ré­su­mé beginnen. Auch diesmal hielt ich einige Augenblicke fotografisch fest. Alles fing mit meinem Beitrag an, den ich „Fünfzehn Kilometer“ nannte. In ihm verarbeitete ich die Absurdität einer staatlichen Vorgabe, in der es hieß, dass man sich nur im genannten Radius von seinem Haus entfernen darf. Ich fuhr in alle Himmelsrichtungen um genau in dieser Entfernung die Welt festzuhalten. Der Artikel wurde auch im Rubikon und auf Cashkurs veröffentlicht.

Zeiten wie Diese

Mein zweiter Artikel handelte von meiner Heimatstadt Wittenberg. Er zeigt, was diese Zeit mit einer Stadt alles macht und was die politischen Entscheidungen alles nach sich ziehen. Ich versuchte die Leere und Tristesse darzustellen und für die Nachwelt festzuhalten. Der Rubikon veröffentlichte meinen Artikel unter dem Titel „Das leblose Land“. Auch Dirk Müller ließ mir die Ehre zu Teil, diesen Artikel auf seiner Seite herauszugeben.

Tapfere Herzen

Im März besuchte ich dann eine Demonstration in der Landeshauptstadt Magdeburg und hielt einige Momente fest. Der Titel „Tapfere Herzen“ ist eine Anlehnung an die Rede des William Wallace aus dem Film „Braveheart“, der in einer Rede dieses Tages zitiert worden ist und mich sehr inspirierte. Die Eindrücke dazu findet man hier auf meiner Website und unter anderem auf „Cashkurs„.

Momente

Ebenfalls im März des Jahres begleitete ich eine junge Familie. Ich wollte die Kleinsten aufnehmen und erfahren, was diese Zeit wohl mit ihnen macht. Diese einzigartigen Momente hielt ich in diesem Artikel fest.

Von der Hoffnung

Im April fuhr ich nach Berlin, um gegen die Abstimmung zur Erweiterung des Infektionsschutzgesetzes zu demonstrieren und die Augenblicke des Geschehens bildlich darzustellen. Auch diesen Artikel teilte der Rubikon.

Wo ich die Freiheit sah

Ich hatte das Glück, dieses Jahr wundervolle Menschen kennenlernen zu dürfen. Unter Anderem die Ackerpiraten. Diese autarke Großfamilie, schloss ich so ins Herz, dass ich ihr einen Artikel widmen musste.

Vom Klang der Kunst

Als ich mir das Pendant zum European Songcontest, nämlich den NuoVision Songcontest ansah, fiel mir ein Künstler auf, dessen Texte mich stark beeindruckten. Sein Name ist Paart MC. Ich schrieb ihm eine Mail und bat um ein Kennenlernen samt Reportage. Er willigte ein. Das Ergebnis sieht man hier.

Der Chiemgau & Kroatien

Im Sommer des Jahres nutzte ich meinen Urlaub, um wieder fernere Ziele zu bereisen. Der Plan war, mit meinen Freunden nach Kroatien zu fahren, um dort ein bisschen Energie zu tanken. In der Tat, habe ich diese Reise nicht bereut, war sie eine der Schönsten, die ich jemals machte. Da die Eindrücke so umfangreich waren, teilte ich sie diesmal sogar in zwei Artikel auf. Den einen gibt es hier und den anderen hier. Auch der Übernachtung vorher im Chiemgau widmete ich einen Artikel.

Vereint im Schmerz

Wieder ging es nach Berlin. Erneut begleitete ich eine riesige Demonstration. Unter Anderem kam mir hier Boris Reitschuster vor die Linse, den man in einem der Bilder erkennt. Auch diese Eindrücke teilte der Rubikon.

Parallelwelten

Im letzten Artikel des Jahres hielt ich ein paar persönliche Gedanken fest, die mich in diesem Moment sehr bewegten und die ich mir von der Seele schreiben musste. Auch diesen teilte der Rubikon freundlicherweise auf seiner Website.

Auf ein Neues

Es war ein sehr kräftezehrendes Jahr. Dennoch überwiegt die Freude darüber, so viele wunderbare Menschen kennengelernt zu haben, die dem Unrecht ebenfalls entgegenstehen und ihren Teil dazu beitragen, dass die gesellschaftliche Bewusstlosigkeit überwunden wird. Sie alle geben nicht auf. Ich danke euch allen!

Vereint im Schmerz

Zugegeben, der Titel klingt etwas pathetisch, aber nachdem ich diesen bedeutsamen Tag noch einmal Revue passieren ließ und mir die Aufnahmen am Abend zu Gemüte führte, wollte ich ihn. Drückt er mit ein paar Buchstaben genau das Gefühl aus, was mich seit langer Zeit umgibt und von dem ich stetig versuchte, es in Worte zu fassen.

Es heißt nicht ohne Grund, geteiltes Leid ist halbes Leid. Erst jetzt, just in diesem Moment, verstehe ich die Bedeutsamkeit dieser allseits bekannten Redewendung tatsächlich. Denn was muss erst geschehen, dass Menschen unterschiedlichster Colour sich vom Sofa aufraffen, in die Ferne reisen und zusammen auf die Straße gehen? Was muss passieren, dass er sagt, ich weiß mir nicht mehr anders zu helfen? Wieviel kann ein Mensch ertragen? Wann ist seine individuelle rote Linie erreicht? Wie weit ist es gekommen, dass die Motivation, etwas zu tun, was nicht der Mehrheit entspricht, größer wiegt, als die Pein, die ihm zwangsläufig entgegenschlagen wird?

Wir leben in einer Zeit, in der selbst Worte, die seit Ewigkeiten legitim waren, bedeutungslos ja sogar abschreckend wirken mittlerweile. Fast schämt man sich sie auszusprechen. Worte wie Heimat, Deutschland, Recht, Freiheit, Nationalhymne oder Führerschein sind mittlerweile so kontaminiert, dass man sich zweimal überlegt, ob man sie benutzt. Es ist nicht nur der gesellschaftliche Umgang mit Corona, weswegen die Menschen auf die Straße gehen. Es scheint, als sei es das gesamte Lebensmodell, dass uns aufoktroyiert wird. Es ist Klima, es ist Gendersprache, es ist die Politik in Gänze. Das ganze Weltbild passt nicht mehr. Egal welches Thema man sich zu Gemüte führt, wir fühlen, dass es falsch ist und wir verstehen nicht, weshalb so viele Brüder und Schwestern das nicht erkennen wollen und uns sogar „bekämpfen“. Dabei sind wir die Letzten, die sich streiten möchten. Ganz im Gegenteil, wir möchten den Frieden, die Versöhnung und in Harmonie miteinander leben. Dafür greifen wir auf das vorletzte Mittel zurück was uns bleibt, die Straße.

Wir müssen alles versuchen, die Dinge zum Guten zu bewegen. Wenn uns das nicht gelingt, sind wir gezwungen unsere eigene Welt zu erschaffen, doch wer möchte das wirklich? Es würde zwangsläufig bedeuten, dass wir uns separieren müssen. Und diesen Zustand jemals wieder aufzulösen, würde Generationen andauern. Wer will das denn? Ich jedenfalls nicht und ich bin der festen Überzeugung, niemand anderes ebenso, der noch ein gewisses Maß an Empathie und Gefühl besitzt. Dafür gehen die Menschen an Tagen wie diesen weltweit auf die Straße, vereint im Schmerz.

Es ist alles gesagt, es ist alles bekannt. Mich erreicht der Schmerz in den unterschiedlichsten Lautstärken und Tonlagen. Es reicht. Er soll aufhören. Doch wird er es nicht von alleine. Mir bleibt nur das, was ich kann und zwar die Fotografie. Mit ihr versuche ich in den Dialog zu kommen, denn Bilder haben eine andere Ausdruckskraft als das geschriebene Wort oder ein Video. Ein Bild kann dazu anregen, für einen Augenblick die Realität zu vergessen. Im besten Fall entsteht ein Zweifel. Ein kurzer Gedanke, der zu weiteren führt und somit zu einem völlig neuen Blickwinkel. Ein naiver, aber schöner Gedanke. Mir gibt er Kraft.

Bildlich berichten möchte ich vom 28.08.2021. An diesem Tag vereinten sich Unzählige in Berlin und machten ihrem Schmerz freien Lauf. Sie gingen gemeinsam auf die Straße, wohlwissend, wie sie in den Gazetten beschrieben werden. Die Energie war atemberaubend, sie war spürbar und gab Halt. Eine schier endlose Anzahl an Menschen ließ sich von Verboten nicht aufhalten und folgte ihrem Herzen, getragen vom unbändigen Gefühl, das Richtige zu tun. Niemand konnte sie aufhalten. Die Liebe und der Wille nach Veränderung steckte an. Niemand warf einen bösen Blick auf die Armada des vergangenen Menschenverstands. Ganz im Gegenteil. Ich erlebte soviel Zuspruch von Passanten und Beobachtern, dass es mich darin bestätigte was ich tue und wofür so viele Menschen den weiten Weg auf sich nahmen. Sie blickten aus ihren Balkonen, schwanken Fahnen, begrüßten uns, streckten den Daumen in die Höhe, pfiffen aus ihren Autos, nahmen selbst alles auf und schenkten uns ein Lächeln. Es war unbeschreiblich. Dabei gerät es fast in den Hintergrund, dass uns die Polizei auf einer Brücke am Weitergehen hinderte.

Ich habe schon viele Demonstrationen fotografisch begleitet und ein paar Gedanken dazu niedergeschrieben, aber diesmal hat es mich besonders mitgerissen. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich empfand, dass es ein ganz besonderer Tag war, der mir Hoffnung gab, denn diese Masse an reinen Herzen war nicht zu übersehen und regte ganz sicher den einen oder anderen zum Nachdenken an.

Genug der Worte, Bilder sprechen für sich. Ich hoffe, dass ich die Energie dieses wundervollen Tages einigermaßen vermitteln kann.

~ Ulli