Schweigemarsch

Stiller Protest

„Wir müssen reden“, lautete das Motto eines Schweigemarsches in Berlin am 10. Oktober 2020. Die Organisatoren luden dazu ein, um auf diesem Wege gegen die momentan herrschenden Maßnahmen der Regierung zu protestieren. Natürlich ließ ich mich nicht lange bitten und notierte mir dieses Ereignis sofort in meinem Terminkalender. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, keinerlei Flaggen, Schilder oder Banner mitzuführen. Des Weiteren war das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes Voraussetzung für eine Teilnahme.

Mein persönlicher Ansatz

Früh morgens machte ich mich zusammen mit einem Mitstreiter auf den Weg in die Hauptstadt. Der Marsch sollte 11.59 Uhr auf dem Kurfürstendamm starten und an der Siegessäule enden. Da ich durch mein Aussehen bewusst überspitzen wollte, entschied ich mich schon Tage zuvor, mich elitär zu kleiden. Schwarz von oben bis unten, Stiefel, Sonnenbrille, Handschuhe und Mundschutz, sollten darauf hinweisen, wie die Zukunft aussehen könnte, wenn wir eine Zeit erreichen sollten, in der es zu immer mehr Zwängen und Kontrollen kommt. In einigen Ländern dieser Erde ist es bereits Realität, dass Menschen durch ihre Regierungen belehrt, sanktioniert oder abgeführt werden, wenn sie die bestehenden Coronaregeln anzweifeln oder nicht befolgen. Um dies zu verhindern und ein Zeichen zu setzen, hielt ich es für unabdingbar, vor Ort zu sein und dieses Ereignis erneut festzuhalten, wie bereits am 29. August 2020

Der Marsch beginnt

Wir kamen mit dem Auto sehr gut durch und fanden auch direkt einen Parkplatz. Wir schätzten, dass wir vielleicht zwei- bis dreitausend Menschen vorfinden würden, denn extrem viel Werbung für den Schweigemarsch hatte ich vorher nicht wahrgenommen. Wir erreichten den Kurfürstendamm gegen 11.45 Uhr und reihten uns in die Menge ein. Sofort kam ich ins Gespräch und tauschte mich über Themen aus, die alle Teilnehmer gleichermaßen bewegen. Ein angenehmes Gefühl, sich verstanden und aufgehoben zu fühlen. Aus allen Teilen Deutschlands waren die Menschen angereist. Ich zückte das erste Mal meine Kamera und hielt ein paar Augenblicke fest. Wir standen zu viert in einer Reihe, denn der Abstand war eine Vorgabe, die zwingend eingehalten werden musste, um keine Auflösung des Marsches zu riskieren. Mir fielen wirklich kreative Mundschutzvarianten auf, einige davon versuchte ich mit der Kamera zu verewigen. Wie beeindruckend wäre es, dachte ich mir, wenn sie jetzt alle so gekleidet wären wie ich und dadurch eine bedrohliche Atmosphäre entstünde. Ich stellte mir vor, wie imposant es doch wäre, wenn am Ende des Marsches eine riesige Bühne stünde, auf der niemand spräche, sondern nur eine düstere Melodie zu hören und unter Nebelschwaden begleitet, ein riesiges Banner mit einer Maske zu erkennen wäre. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies eine immense Wirkung erzielen würde.

Der Weg zur Siegessäule

Mit etwas Verzögerung setzten sich die Menschen in Bewegung. Ordner wiesen die Teilnehmer immer wieder darauf hin, sich an die Abstandsregeln zu halten und liefen stets beobachtend nebenher. Ich scherte des Öfteren aus, um die Menge aus verschiedenen Blickwinkeln festzuhalten. Es schien alles glatt zu laufen, soweit ich es mitbekam. Ich erkannte einige Persönlichkeiten während des Marsches, unter Anderem die Rechtsanwälte Markus Haintz und Ralf Ludwig. Immer wieder hielten vorbeilaufende Passanten an und suchten das Gespräch, mal friedlich, mal lautstark protestierend. Auch ich wurde zweimal in ein Gespräch verwickelt, das durchaus fruchtbar verlief. Andere wiederum blieben stehen und ließen den Marsch auf sich wirken. Genau das sollte auch das Ziel sein, dass Passanten zum Nachdenken angeregt werden.

Am Ziel angekommen

Wir liefen ungefähr zwei Stunden, bis wir die Siegessäule erreichten. Erst hier konnte ich mir ein Bild davon machen, wie viele Menschen teilgenommen hatten. Ich kann es sehr schlecht schätzen, doch denke ich schon, dass die angemeldete Teilnehmeranzahl von 20.000 Menschen erreicht wurde. Wir blieben noch einige Zeit vor Ort, bis die Veranstaltung aufgelöst wurde und wir zurück zum Auto liefen. Es war ein wichtiger Tag für uns beide und sicher ebenfalls für alle anderen Teilnehmer. Auch ich bin der Ansicht, dass wir alle miteinander reden müssen, wenn sich die Fronten nicht weiter verhärten sollen. Wer weiß, was am Ende aus all dem folgt. Vielleicht sehen wir die Zukunft auch zu dystopisch, doch halte ich es für essenziell, sich auch über die möglichen Verwerfungen dieser globalen Situation auszutauschen. Meine Haltung zu diesem Thema beruht aus Ereignissen der Vergangenheit, in der des Öfteren bewiesen wurde, dass die Regierungen dieser Welt die Bevölkerungen getäuscht haben. Ich möchte gern glauben, dass es diesmal anders ist, doch sprechen aus meiner Sicht die Tatsachen eine deutliche Sprache. Also lasst uns reden und zusammen eine Lösung finden. Versuchen wir, dem Gegenüber zuzuhören und nicht sofort das Gespräch abzuwürgen, nur weil der Gesprächspartner die aktuelle Situation anders sieht. Nur muss man für diesen Austausch offen sein, das ist alles. Letztlich sitzen wir alle auf diesem Globus im selben Boot und wir sollten uns vor Augen halten, wer es steuert.

~ Ulli

Ein historischer Tag

Motivation

Dieses Mal zog es mich in unsere Hauptstadt Berlin. Es war mir ein wichtiges Anliegen, an diesem Tag persönlich vor Ort zu sein, um mir ein eigenes Bild der Menschen zu machen, die sich gegen die derzeitigen Maßnahmen der Politik aussprechen. Auch ich stehe der ganzen Entwicklung äußerst skeptisch gegenüber und war deswegen zusätzlich motiviert, diese Augenblicke für die Ewigkeit festzuhalten. Ich wollte Zeitzeuge sein und vielleicht würden am Ende sogar ein paar brauchbare Aufnahmen entstehen.

Auf nach Berlin

Am späten Morgen ging es los. Mein Kumpel Michael holte mich ab und wir düsten mit rasender Geschwindigkeit gen Norden, ohne zu wissen, was genau uns erwarten würde. Gegen halb zwölf erreichten wir unser Ziel und fanden sogar relativ nahe der Siegessäule einen Parkplatz, was sicher nicht selbstverständlich war. Das Parkticket bezahlt, stiefelten wir der Siegessäule entgegen, an der wir einen ersten Eindruck erhielten. Wir dachten uns, naja, die Veranstaltung fängt ja noch nicht an, es dauert wohl noch etwas, bis sich etwas tut. Doch dann blickten wir nach rechts zur Straße des 17. Juni und stellten fest, dass dort wohl mehr los sein müsste. Wir liefen um die Siegessäule herum und fanden uns direkt in einer Menschenmenge wieder, die unendlich in die Ferne ragte. Überrascht, von dieser riesigen Anzahl an Zweibeinern, zückte ich das erste Mal meine Kamera und versuchte das Ganze einzufangen. Wir gingen geradewegs dem Brandenburger Tor entgegen.

Erste Eindrücke

Es war schlichtweg atemberaubend. Es waren so viele Menschen dort, dass ich mich vor Eindrücken kaum retten konnte. Ich entschloss mich dazu, die Leute einfach anzuhalten und nachzufragen, ob ich denn ein Bild von Ihnen machen könne. „Ich bin nur Hobbyfotograf und möchte die Menschen darstellen, die ich hier so treffe.“, sagte ich oft. Sie alle waren offen dafür und posierten bereitwillig für einen kurzen Augenblick vor meiner Linse.

Ankunft am Brandenburger Tor

Schließlich erreichten wir das Brandenburger Tor und gingen fest davon aus, wir hätten das Ende des Ganzen so langsam erreicht, doch weit gefehlt. Als wir es passierten, kam uns erneut eine riesige Menge Menschen entgegen. Ich hob meine Kamera empor und hoffte, dass ich es schaffen würde, die Dimension dessen einzufangen. Wir liefen entspannt bis zur Friedrichstraße, die einige Hundert Meter vom Pariser Platz entfernt ist. Hier nahmen wir nun definitiv an, dass dies das Ende der Fahnenstange sei, doch wir irrten uns schon wieder. Als wir in die Friedrichstraße abbogen, erblickten wir erneut eine schier unendliche Anzahl an Menschen. Sie trommelten, tanzten, schwangen Fahnen und hielten Plakate in die Höhe. Es waren Menschen unterschiedlichster Couleur. Ein beeindruckendes Bild.

Friedrichstraße

Wir liefen fast die gesamte Strecke ab. Wir dachten, dass zumindest an der Brücke über der Spree endgültig Schluss sei, aber noch immer sahen wir unendlich viele Menschen in der Ferne. Spätestens hier war uns klar, dass wir im sechs- oder siebenstelligen Bereich sein müssen, was die Anzahl der Leute angeht.

Der Weg zurück zur Siegessäule

Noch sichtlich beeindruckt von diesen Bildern, entschieden wir, wieder zurück zu laufen, um zur Hauptveranstaltung an der Siegessäule, die gegen 15.30 Uhr beginnen sollte, rechtzeitig da zu sein. Erneut realisierten wir die Dimensionen, was hier eigentlich los war. Des Öfteren hielt ich an, hörte hier mal zu und fing da mal einen Augenblick ein. Die positive Stimmung packte einen unweigerlich. Es verging Einiges an Zeit, bis wir wieder in der Nähe unseres Ausgangspunkts waren. Ordnungsteams des Veranstalters lotsten die Mengen in den Tiergarten, um die Verordnungen einhalten zu können und keine vorzeitige Auflösung zu riskieren. Alles war perfekt organisiert, selbst die Akustik war nirgends beeinträchtigt. Michael und ich setzten uns in die Natur und lauschten den Rednern auf der Hauptbühne. Allen voran sprach Robert F. Kennedy, der Neffe des berühmten John F. Kennedy, der die Menge zum Jubeln brachte. Beeindruckende Momente, die den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Es gab noch viele weitere Redner, doch entschlossen wir uns, gegen 18 Uhr wieder gen Heimat zu fahren. Ich hatte genug im Kasten und die Eindrücke waren so gewaltig, dass es für ein ganzes Buch reichen würde.

Fazit

Mir persönlich gab der Tag sehr viel Hoffnung. Menschen, die in normalen Zeiten wohl nie ein Bier miteinander trinken würden, schienen ihre Bedenken für ein größeres Ziel beiseite zu schieben. Es schien für einen Augenblick, als sei die Ära der gesellschaftlichen Spaltung vorbei. Anselm Lenz, einer der Ersten, die sich öffentlich entgegenstellten, formulierte es ziemlich treffend mit den Worten: „Wir können uns gern wieder demokratisch streiten, aber momentan haben wir alle das selbe Ziel.“ Der Initiator der „Querdenken“ Bewegung, Michael Ballweg, möchte genau das, einen Diskurs mit allen Menschen, denn nur so funktioniert eine demokratische Gesellschaft. Hier müssen auch Menschen angehört werden, deren Sicht auf die Welt man nicht teilt. Die oberste Priorität dieser Bewegung ist auch gar nicht Corona an sich, sondern das Fehlen einer öffentlich wissenschaftlichen Debatte ohne tendenziöse Beeinflussung in die eine oder andere Richtung. Es gibt zu diesem Thema mindestens zwei wissenschaftliche Ansichten und es ist nicht demokratisch, wenn man nur der einen Seite vertraut und gesellschaftlich einschneidende Verordnungen verabschiedet, ohne der anderen zugehört zu haben. Die Folgen, Bedenken und möglichen Zukunftsvisionen dieser ganzen Entwicklung sind durchaus ernst zu nehmen und öffentlich zu diskutieren, denn sie betreffen uns alle auf dieser Welt. Ich wünsche mir mehr Empathie und Verständnis für die Menschen, die sich aus freien Stücken in solch eine Situation begeben, wohl wissend, dass viele Menschen sie nicht verstehen können. Ich kann sie verstehen und hoffe, dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, diesen wunderbaren Tag gelebter Demokratie in Ehren zu halten.

~ Ulli